Von Ida Kretzschmar

Der Mond über Soho ist aufgegangen am Senftenberger See. Ein zähnefletschendes Monster scheint den Fluten entstiegen. Halb Haifisch, halb Raubtier. Ein Clown mit leuchtend blauen Augen und stachligem Haupt. Sein blutroter Mund aber wird zum Bühnenvorhang. Diese sparsam-eindrückliche Kulisse genügt, um im Amphitheater der Neuen Bühne Senftenberg eine ganze Unterwelt entstehen zu lassen. Es ist das Spiel, die Musik, die Maskerade, die das Publikum in die Untiefen der Londoner 20er-Jahre hineinzieht. In den Sog von Mackie Messer (Tom Bartels), der vielschichtig unter Beweis stellt: „Denn der Haifisch, der hat Zähne.“

Am Samstag hatte „Die Dreigroschenoper“ in der Regie von Manuel Soubeyrand Premiere. Der Intendant, bekennender Brecht-Verehrer, hatte dem „Urvater unseres theatralen Lebens“, wie er den großen Dramatiker nennt, schon ein Spektakel gewidmet.

Nun also ist es der Auftakt zur Amphisaison. Das Brecht-Stück wurde 1928 am Berliner Schiffbauerdamm uraufgeführt und avancierte – auch durch die großartige Musik von Kurt Weill – zu einem der größten Erfolge der Theatergeschichte.

Von ihrer Faszination und Brisanz hat „Die Dreigroschenoper“ bis heute nichts eingebüßt, was am Vorabend des Wahlsonntags im Amphitheater augen-und ohrenscheinlich wird. Soubeyrand gestaltet sie zu einer bunten, unterhaltsamen, diabolischen, dennoch politischen Revue, in der eine mitreißende Band den Soundtrack aus weltbekannten Songs liefert.

Zwielichtige Gestalten entern die Bühne und treiben die Zuschauer wie in einer Manege immer wieder zu „beglückendem Applaus“, gekonnt antrainiert von Conferencier Sebastian Volk. Fasziniert betrachtet man die bis ins kleinste Detail gestalteten Kostüme. Und diese Verbrechervisagen! Einfach grandios. Mit Barbara Fumian, die auch das „Sturm“-Spektakel ausstattete, hat der Regisseur ein überaus glückliches Händchen bewiesen. Die Masken sind so perfekt auf die natürlichen Gesichter der Schauspieler zugeschnitten, dass jeder seine individuelle Note behält.

In überbordender Spiellust wird sie hier vom ganzen Ensemble kräftig ausgelebt. Das geht artistisch bis in den Spagat (Esra Maria Kreder). Aber auch Gesangstalente wie Hanka Mark (Frau Peachum), Münzmatthias (Roland Kurzweg), ja der ganze Chor, offenbaren sich. Überzeugend agieren Straßenbanden-Chef Mac­heath (Tom Bartels), Polizeichef Tiger Brown (Daniel Borgwardt) im Widerstreit mit Bettlerkönig Peachum (Erik Brünner, den man in der neuen Spielzeit glücklicherweise fest im Ensemble sehen wird). Spelunkenjenny alias Catharina Struwe aber erfüllt mit ihrer Stimme die Erwartung an jene rauchige Verruchtheit, die von manchem noch durchgängiger erhofft wurde. Polly-Darstellerin Aline Bucher punktet als Gast bei den Zuschauern mit ihrer Musicalstimme, zumal Kurt Weill seine Musik mit ironischen Seitenhieben auf Oper und Operette garnierte. Am Ende lässt sich sinnieren: „Denn wovon lebt der Mensch?“ Auch von einem solchem Theaterabend, der Zähne zeigt und alle Sinne schärft.