Von Ida Kretzschmar

Ist hier jemand, der mich kennt? Von Beginn an ist klar: Dieser Mann da auf der kleinen Empore wird hier niemanden in Ruhe lassen. Er quält die Zuschauer nicht nur mit Fragen. Er blendet sie, schubst sie regelrecht ins Scheinwerferlicht, spielt sein Spiel mit ihnen zwischen Glaube, Zweifel und Schuld. Gemütlich ist es ohnehin nicht auf den harten Bänken im Rangfoyer der Neuen Bühne Senftenberg. So wie Judas kein Bequemer ist. Ein Name, vor dem man ausspuckt, der Inbegriff des Verräters. Ihm gibt man die Schuld, dass Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Kein Kind darf in Deutschland mit diesem Namen gebrandmarkt werden. Mit Judas will lieber niemand etwas zu tun haben.

Freitagabend aber zur Premiere von Lot Vekemans Stück „Judas“ bekommen es die Zuschauer mit ihm zu tun. Nach 2000 Jahren gibt er, der nach dem Judas-Kuss in der Blüte seiner Jahre selbst sein Leben beendet haben soll, alt geworden seine eigene Vorstellung in Senftenberg.

Schauspieler Heinz Klevenow braucht dafür nur einen Stuhl. Und seine eindringliche Stimme, um Althergebrachtes auf den Kopf zu stellen, in Zweifel zu ziehen, Ehrlichkeit einzufordern, eine andere Lesart der tragischen Figur, wie sie auch im Christentum diskutiert wird: Was wäre Jesus ohne Judas und seine selbstzerstörerische Tat? Brauchte er den Verräter und Skeptiker, um selbst zum Erlöser zu werden? Zwei, die sich gegenseitig bedingen wie Licht und Schatten? Längst nicht nur der israelische Schriftsteller Amos Oz hat den Verrat aus Geldgier und Egoismus infrage gestellt. Zumal da das infame Klischee vom Juden bedient wird, der für ein paar Silberlinge den Weltenretter über die Klinge springen lässt.

So interessant der theologische Disput – die niederländische Autorin lässt die Fragen darüber hinaus ausufern, selbst wenn manches dennoch ausgespart oder nur vage angedeutet wird, was uns heute dringlich beschäftigt.

Heinz Klevenow erweitert die Spiel- und Gedankenräume in einem einstündigen Monolog, der immer wieder zur Zwiesprache mit dem Publikum führt. Mit Gestik und Mimik, die Verständnis einfordert, in Verzweiflung badet oder augenblicklich in Wut und Selbstüberhöhung umschlägt. Mit Sätzen, die vertraut und doch nicht ganz verdaut erscheinen wie: „Wer nichts tut, kann nichts falsch machen und auch nichts richtig.“ So fordert er den Mut heraus, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen, sich daran zu erinnern, dass etwas glauben manchmal nicht reicht: „Was hätten Sie getan? Sie können zweifeln. Das ist in Ordnung“, stiftet er dazu an, aktiv zu werden, sich seinen Platz nicht anweisen zu lassen, selbst zu bestimmen, wo man seinen Fußabdruck hinterlässt. Und nicht auf andere zu zeigen zum Reinwaschen der eigenen Seele.

Heinz Klevenow wird nicht nur zum Zweifler, Erzähler, Wachrüttler. Ihm gelingt es, Judas nicht nur als missverstandenen Sündenbock, in der Erbärmlichkeit seiner Schuld wie in der Ohnmacht seiner Reue zu zeigen. Er vermittelt auch das Gefühl, als könnte er hinter die Dinge sehen. Schon dafür lohnt es, sich auf die harte Bank zu setzen. Ein großes Spiel auf kleiner Bühne.

Der Senftenberger Schauspieler Daniel Borgwardt hat das Stück in sparsamer Ausstattung inszeniert, mit der die Landesbühne gut auf Wanderschaft gehen kann, wobei er mit wenigen Utensilien Wirkung zu erzielen vermag. In seiner ersten Regiearbeit hat er ein Thema gewählt, das Irritationen provoziert. Auch durch Musik, die bewusst als Störfaktor dient. Eine solche Vorstellung muss erst einmal verdaut werden. Und doch hat der Stoff, der mitunter recht kurvenreich und verschlungen an die Zuschauer herangetragen wird, durchaus Potenzial. Weil es fast unmöglich ist, sich ihm zu entziehen. Man kann also auf die nächste Regiearbeit von Daniel Borgwardt gespannt sein.

Weitere Termine: 30. März, 19. April