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| 02:28 Uhr

Popstar mit Hirschgespann

Ab heute in Branitz: „Berliner Romantik“, Mischtechnik auf Leinwand auf Malplatte, 2010. 163 x 107,5 cm. Foto: pr
Ab heute in Branitz: „Berliner Romantik“, Mischtechnik auf Leinwand auf Malplatte, 2010. 163 x 107,5 cm. Foto: pr FOTO: pr
Cottbus. So sieht eine Künstlerin der Gegenwart den Fürsten Pückler: Julia Theek airbrusht ihn in Gestalt des düsteren Rocksängers Nick Cave auf die Leinwand. Am heutigen Freitag übergibt sie ihr Bild „Berliner Romantik“ der Branitzer Pückler-Stiftung. Von Felix Johannes Enzian

Nick Cave, erzählt Julia Theek, war zunächst eine Notlösung. Die Künstlerin aus Nuthetal bei Potsdam wollte Pückler in hochmütiger Dandy-Pose zeigen, doch ihr fehlte als Vorlage eine passende historische Abbildung des Lausitzer Lebemannes. So wählte sie Nick Cave als Double. Wer – für diejenigen, die ihn nicht kennen – ist das? Ein aus tralischer Sänger und Dichter, der in den 1980er-Jahren in Westberlin lebte und dort mit Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten die weltweit einflussreiche Rockband The Bad Seeds gründete. Sie ist einem breiteren Publikum vor allem durch die Platte „Murder Ballads“ von 1996 bekannt, auf der Cave ein Duett mit Disco-Queen Kylie Minogue zum Besten gibt.

Bis heute ist der Mann mit der eindringlich-dunklen Stimme ein Held der Subkultur. Als Mittzwanziger zog er in schwarzen Anzügen, mit wirrer Mähne und bleichen Wangen durch die Berliner Nacht, knallte sich mit Speed, Heroin und Alkohol voll und sang melancholisch-aggressive Lieder über Glaube, Liebe und Tod.

Eine charismatische Gestalt also: elegant, exaltiert, kaputt, düsterromantisch – und darin ähnlich dem Fürsten Pückler, wie Julia Theek findet. Sie nennt die beiden „Geistesbrüder“.

Wie groß die Gemeinsamkeiten zwischen einem Rockmusiker der Gegenwart und einem hochadeligen Standesherrn des 19. Jahrhunderts tatsächlich sein können, sei dahingestellt. Aber etwas Treffendes liegt natürlich in dem Vergleich: Auch Pückler, der Zeitgenosse der Ur-Romantik, war (Garten-)Künstler und Schriftsteller, auch er schwankte zwischen Provokation und Gefallsucht, zwischen Genie und Wahnwitz (freilich mit weniger Rauschmitteleinsatz als Cave), auch er schockierte und amüsierte mit exzentrischen Auftritten. Pückler war Popstar seiner Zeit.

Auf dem Bild „Berliner Romantik“ trägt der Fürst das zwischenzeitlich schnauzbärtige Antlitz Nick Caves, bei den übrigen Details hat sich Julia Theek an die Tatsachen gehalten. Pücklers Aufsehen erregende Spazierfahrt auf einer von Hirschen gezogenen Kutsche durch die Berliner Straße Unter den Linden gehört zu den bekanntesten Anekdoten seines Lebens. Für den Hintergrund hat die Künstlerin als Vorbild eine historische Lithografie des Prachtboulevards verwendet, die „Lindenrolle“ von 1820. Die Farbtöne sind nach Angaben der Brandenburgerin authentisch.

Der Realismus des preußischen Panoramas wird allerdings durch die Darstellungsweise gebrochen. Julia Theek hat die Farbe mit Graffiti- und Airbrushtechnik auf die Leinwand gesprüht. Für einen realistischen Effekt habe sie die Lasuren mit dem Pinsel nachbearbeitet, so die Künstlerin. Vordergrund und Hintergrund legte sie mithilfe von Schablonen übereinander. Die Wirkung ist collagenhaft – die Hirsche schweben wie ein surrealer Spuk vor der Häuserfront und scheinen zum Betrachter hin aus dem Bild zu ragen. In den Branitzer Räumlichkeiten wird das Airbrush-Gemälde sicher zum Blickfang.

Wer ist Julia Theek? Die 1966 geborene Potsdamerin studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Kunsttheorie und Kulturgeschichte. Als Künstlerin stellt sie international auch unter dem Namen Jony To aus. Ihr von Street Art beeinflusstes Werk umfasst neben Malerei auch Plastik, Fotografie, Filme, Video- und Multimedia-Kunst. Das preußische Kulturerbe ist Julia Theek von Kind auf vertraut und spielt in ihrer Arbeit eine große Rolle. Sie legt jedoch Wert darauf, dieses Thema durch zeitgenössische Ausdrucksmittel in die Gegenwart zu holen. Ihr zufolge habe Gert Streidt, der Direktor der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, die „Berliner Romantik“ auf den ersten Blick für die hauseigene Kunstsammlung gewünscht. Der brandenburgische Unternehmer Patrick von Hertzberg kaufte und schenkte das Bild der Stiftung.

Die Übergabe durch die Künstlerin um 18 Uhr im Gutshof ist öffentlich.