Der Kunstpreis Energie, weitergetragen und finanziell ausgebaut von Vattenfall, wurde 1992 erstmals ausgelobt. Von bisher insgesamt 16 ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstlern ist Gregor Hildebrandt (geboren 1974 in Bad Homburg, jetzt in Berlin lebend) der siebte aus der Hauptstadt. Die Entscheidung trifft eine Jury mit je einem profilierten Kunstwissenschaftler aus allen neuen Bundesländern und Berlin, verstärkt durch den jeweils letzten Preisträger und durch Vertreter des Unternehmens. Die Besetzung der Jury wechselt in einem festgelegten Turnus. Jedes Mitglied schlägt zwei von ihm favorisierte Kandidaten vor. Nach Vorlage einer Werkauswahl wird der Preisträger gewählt.Wenn dem Preisträger Respekt gezollt werden soll, so muss man auch jenem in der Jury gratulieren, der ihn ausfindig gemacht und überzeugend präsentiert hat. Diesmal wäre Jörn Merkert zu loben, der Direktor der Berlinischen Galerie und langjährige Juryvorsitzende. Er gibt zu, dass es ihm und seinem sächsischen Kollegen leichter fällt, in der Fülle des regionalen Kunstangebots einen Kandidaten zu finden als den Jurykollegen in anderen Bundesländern, "wo die Situation weitaus schwieriger ist". Ganz einfach scheint sie überhaupt nicht zu sein, nimmt man den Energie-Preis als Qualitätskriterium für zeitgenössische junge Kunst. Hildebrandts künstlerische Arbeit - die Ausstellung zeigt nur eine Seite, es fehlen vor allem die Installationen - ist ein interessanter, beachtenswerter Beitrag in der Palette Berliner Gegenwartskunst. Als herausragender Höhepunkt in der Kunstszene Ostdeutschlands - so der Tenor der Ausschreibung - dürfte er Publikum und wohl auch Künstlerkollegen aber nicht leicht zu vermitteln sein.Vom Preisgekrönten kauft Vattenfall Werke im Wert von 8 000 Euro - das eigentliche Preisgeld -, er erhält einen Katalog, eine Ausstellung im Cottbuser Haus und später in einer führenden Galerie jenes Bundeslandes, aus dem er kommt.Auf jene letzte Ausstellung im Rahmen des Preises kommt es bei Georg Hildebrandt ganz besonders an, will man sich ein umfassenderes Urteil bilden. Das, was er bis zum 28. April im Foyer von Vattenfall in Cottbus zeigt, ist beschämend wenig. Man kann es an beiden Händen zusammenzählen. Was hat die Juroren beim diesjährigen Preisträger überzeugt? "Georg Hildebrandt hat einen ganz eigenen Weg gefunden, Musik auf Leinwand zu bannen", so Hartmuth Zeiß vom Vattenfall-Vorstand. Die ausgestellten Bilder sind konsequent nonfigurative Arbeiten in einer gebrochenen, dunklen Farbigkeit. Es sind die Originalfarben von Tonbändern, die präzise Band für Band auf den Bildgrund fixiert und mit Lack überstrichen werden. Sie sind kein Abfall, sondern bespielte Bänder mit Titeln aus der Pop-Szene, vertraut vor allem der jüngeren Generation. Der Tonträger wird zum Bildmaterial. Musik wird im Bilde beerdigt, jedes Bild ein Grabstein. Die technisch vorgegebene Form der Tonträger bestimmt die betont geometrischen Bildformen, ausgeführt mit handwerklicher Präzision. Hildebrandts Bilder sind Werkstattarbeiten. Mehrere, zumindest in der Ausstellung anonym bleibende Helfer sind mit dabei, die meist großformatigen Arbeiten zu realisieren.Sorgfältig gebaut dokumentieren etwa 1 000 leere Kassetten mit lasierend überstrichenen Rücktiteln die Material-Quelle ausgestellter Arbeiten. Statt einer Biografie Hildebrandts findet sich ein in Überlebensgröße auf dunklen Granit aufgebrachtes Foto - Hildebrandts Selbstporträt. Das Material des Steines regt zu mancherlei Assoziationen an. Daneben hängt "Schweres Metall" (2008), eine mit Silber überstrichene Leinwand, je nach Lichteinfall farbig changierend. Steht der Betrachter davor, so findet er sich als Schatten im Bild. Er ist gewissermaßen "im Bilde", das er in Bewegung bringt, mitgestaltet oder auch stört - eine Frage des Standpunktes. Diese Spiegeleffekte wiederholen sich bis hin zum "Gerahmten Spiegel" (2008), worin sich der Betrachter als schwarze(r) Mann/Frau wieder findet. Es sind Effekte der Oberfläche. Ist die Tendenz zum Kunstgewerblichen gewollt?Die Jury honoriert die Verarbeitung unterschiedlicher Formensprachen aus der jüngeren Kunstgeschichte wie die des abstrakten Expressionismus, der Minimal Art und vor allem der Pop Art, von Letzterer die Verwendung alltäglichen Gebrauchsmaterials. Bemerkenswert sei, dass Hildebrandt "die kulturelle Prägung des Betrachters zum Gegenstand seiner Arbeiten macht", eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn jede Zeit rezipiert ein Kunstwerk aus ihren Erfahrungen und Bedürfnissen. Der versprochene Katalog existiert diesmal nicht. Der Künstler sei von Arbeit überlastet, hieß es im Haus. Es wird erst zur Berliner Ausstellung im Juni einen Katalog geben. Doch es gibt mit den Worten von Vattenfall-Vorstandsmitglied Hartmuth Zeiß eine gute Nachricht, Bezug nehmend auf die gegenwärtige Krise: "Trübe Gedanken für den Kunstpreis Energie können wir beiseite schieben. Die Förderung von Künstlern, die ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt im Osten Deutschlands haben, bleibt ein Schwerpunkt unseres kulturellen Engagements. Der Osten ist unser Revier."