Frau Manc, warum sollte man längst vergangene Geschichte(n) zwischen Deutschen und Polen nicht ruhen lassen?
Gerade weil uns eine schmerzhafte Geschichte verbindet, sollte man sie nicht ruhen lassen, sondern miteinander reden, einander kennenlernen.

Wovon werden Sie erzählen?
Es sind zwölf literarische Reportagen. Sieben spielen in der heutigen Zeit. Die anderen handeln im Zweiten Weltkrieg. An ihnen ist interessant, dass sie eine völlig andere Perspektive spiegeln, als wir sie gewohnt sind. In diesen Geschichten, erzählt von einem polnischen Autor, wird die Sicht von Deutschen dargestellt. Deutsche als Opfer der Geschichte.

Ein ungewöhnlicher Ansatz! Was hat Sie noch an der Übersetzung dieser Reportagen gereizt?
Dass sie Teil meiner eigenen Geschichte sind. Ich habe sehr starke Erinnerungen an meine Großmutter, die uns viele Geschichten aus dem Zweiten . Weltkrieg erzählt hat. Letztlich haben die Folgen dieses Krieges auch bewirkt, dass ich mit meiner Mutter nach Deutschland ausgereist und Übersetzerin geworden bin. Für meine Mutter war es wichtig, dass ich in einem freien Land aufwachsen konnte.

Was ist das Besondere an Nowaks Sprache?
Es ist eine zurückhaltende, karge, eckige Sprache. Weil er nicht alles ausspricht, nicht alles beschreibt, sondern es den Lesern überlässt, eigene Bilder entstehen zu lassen, hat sie etwas sehr Poetisches.

Sie sind gebürtige Polin, haben aber den Großteil Ihres Lebens in Deutschland zugebracht. Wie ist es denn bestellt um das deutsch-polnische Verhältnis?
Es ist entspannt - im Vergleich zu früher. Man spricht miteinander, man tauscht sich aus, versucht, die Sicht des anderen zu verstehen. Für die junge Generation ist Deutschland ein Land wie jedes andere. Die Älteren tragen noch die Erinnerungen mit sich.

Was kann da so eine Reihe wie "Polnische Autoren im Land Brandenburg" bewirken?
Dass die polnische Literatur überhaupt erst einmal wahrgenommen wird. Dazu kommt, dass das Genre der literarischen Reportage in Deutschland nahezu unbekannt ist. Diese Verbindung zwischen Literatur und Reportage ist interessant und lesenswert.

Nowak ist seit zehn Jahren Reporter der Gazeta Wyborcza. Wie kommt es, dass dort Beilagen eingerichtet werden für die literarische Reportage, während in Deutschland mehr und mehr auf Fast-Food-Berichte gesetzt wird?
Das ist in der Tat erstaunlich. Aber in Polen sind diese ausführlichen Reportagen in aller Munde. Wodzimierz Nowak ist der Chefredakteur des Magazins Duzy Format (Großformat) der größten Tageszeitung Polens, der Gazeta Wyborcza. Diese Beilage ermöglicht Reportern, literarische Reportagen zu veröffentlichen. Das Genre ist sehr beliebt in Polen. Es entstehen preisverdächtige Bücher daraus - wie "Die Nacht von Wildenhagen".

Wie viel Wahrheit, wie viel Fiktion stecken in diesem Buch?
Es ist die Realität, literarisch verarbeitet. Die Fakten, Namen und Zahlen stimmen.

Haben Sie Lust, sich auch mal selbst literarisch auszuprobieren?
Bevor ich mit dem Übersetzen begann, habe ich schon Gedichte geschrieben und veröffentlicht. Und seit Kurzem beschäftige ich mich auch mit Prosa, aber da bin ich noch ganz am Anfang. Sie haben recht: Wenn man so wunderbare Texte übersetzt, bekommt man selbst Lust zum Schreiben.

In welcher Sprache?
In deutsch und polnisch.

Und wie träumen Sie?
Je nachdem: wenn ich in Polen bin, meistens auf Polnisch und in Deutschland auf Deutsch.

Mit Joanna Manc

sprach Ida Kretzschmar

Zum Thema:
Joanna Manc wurde 1959 in Gdynia (Polen) geboren und reiste mit neun Jahren nach West-Deutschland aus. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Slawistik an der Universität in Frankfurt am Main und war danach beim Deutschen Polen-Institut in Darmstadt tätig, mit dem sie bis heute zusammenarbeitet. Seit 1994 arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Polnischen.Vertreibung, Kalter Krieg, Mauerfall: Wodzimierz Nowak erzählt von zwölf Schicksalen in der polnisch-deutschen Grenzregion, die man so schnell nicht vergisst. Geboren 1958, ist er seit über einem Jahrzehnt Reporter der Gazeta Wyborcza. 2010 wurden Wodzimierz Nowak und seine Übersetzerin Joanna Manc mit dem Georg-Dehio-Ehrenpreis ausgezeichnet. Der Potsdamer Schauspieler Jochen Röhrig liest den deutschen TextDieLesart am 23. November, 19 Uhr, im Schloss Lübbenau, ist auch Teil einer Veranstaltungsreihe des Brandenburgischen Literaturbüros "Polnische Autoren im Land Brandenburg 2015". Tickets unter Tel.: 03542/873-0 oder www.schloss-luebbenau.de