Er ist fertig, am Ende, kann nicht mehr. Das ist nicht zu übersehen. Mühsam quält sich Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) hoch, als der neue Kollege Vincent Ross (Adam Kaczmarczyk) frühmorgens mit dem Auto vor der Tür steht. Am Fehlower See in der Lausitz ist eine Tote gefunden worden. Doch Raczek scheint nicht wirklich bei der Sache, döst im Auto weiter vor sich hin, kontert die Erklärungen zu Tat und Tatort mit „Hast du ein Lexikon verschluckt?“
Dass das Duo Raczek/Ross es schwer miteinander hat, war schon im Januar 2022 in dem Vorgänger „Hildes Erbe“ spürbar: Der Paradiesvogel Vincent Ross, dargestellt von André Kaczmarczyk, tritt gern in Rock, mit kajalumrandeten Augen auf, ist ansonsten eher ein Softie, bewandert in Psychologie, hat schnell eine wissenschaftliche Theorie parat. Die Raubeinigkeit seines Kollegen, der Depression und Müdigkeit mit Tabletten bekämpft und immer kurz vor dem Absturz scheint, beobachtet er mit Sorge, aber auch mit Fürsorge. Die beiden, schien es nach „Hildes Erbe“, sind nach dem Weggang von Raczeks langjähriger Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) ein nicht unkomplizierter, aber vielversprechender Neuanfang.

Trennung nach nur zwei Episoden

Doch dann kam im Juli 2022 die Nachricht: Lucas Gregorowicz, der seit 2015 beim Frankfurter „Polizeiruf 110“ dabei war, steigt aus. Der zweite Fall mit Andre Kaczmarzyk, der nun am 11. Dezember ausgestrahlt wird, ist schon der letzte des Ermittlerduos. Stimmte die Chemie da doch nicht zwischen den beiden ungleichen Ermittlern? Lucas Gregorowicz dementiert: „So einen Partner zu finden, ist selten. Das letzte Mal hatte ich das Glück mit Moritz Bleibtreu vor 20 Jahren“, schwärmt er im Gespräch mit der dpa. Das Problem sei ein anderes: Er gehe, weil die Kluft zu groß geworden sei zwischen dem gefühlten Potenzial und dem, was in Krimistrukturen möglich ist, gab Gregorowicz zu Protokoll. Er sehe darin auch eine Parallele zur Figur Adam und dessen Abgang. „Tristesse und Aussichtslosigkeit der Settings und der Stoffe wollte ich nicht mehr.“
Man kann ihn verstehen: Immer stärker hatte seine Figur Adam Raczek zum Schluss den Eindruck vermittelt, zum alten Eisen zu gehören, kurz vor der Ausmusterung zu stehen, die Sache nicht mehr im Griff zu haben – nicht umsonst spielen große Teile des Films an der ehemaligen Abraumförderbrücke F60 in der Lausitz – ein technisches Meisterwerk, nur auch heute zu nichts mehr nütze. „Wie lange machen wir das hier schon?“, fragt er in einer Szene. – „Lange“. – „Und, hat sich etwas zum Besseren geändert?“
Dass das Problem bei ihm selbst liegen könnte, bekommt Raczek von seinem neuen Kollegen deutlich gespiegelt: Er müsse lernen, mit „kognitiven Dissonanzen“, also mit Widersprüchen umzugehen, erklärt er ihm, sonst laufe man Gefahr, Details zu übersehen und sich zu verrennen. „Klugscheißerei“ ist alles, was Raczek dazu einfällt, und Ross erwiedert: „Dein Zustand ist hier das Problem, und entweder du änderst etwas, oder ich mache es – notfalls über den Dienstweg.“

Die Lausitz als abgehängte Region

Auch das Bild, das von der Lausitz sonst gezeichnet wird, das seit 15 Jahren verlassene Pionierferienlager im Wald, die heruntergekommene Gaststätte Franke mit ihren verblichenen Blümchentapeten, in die sich die Ermittler einquartieren, das düstere Pfarrhaus, der zugerümpelte Bioladen und die leeren Straßen im Dorf Fehlow – als Tourismuswerbung für das Seenland geht das alles nicht unbedingt durch, und dürfte vor Ort ähnlich ungern gesehen werden wie zuletzt der ZDF-Mehrteiler „Lauchhammer“, der wegen seiner Negativzeichnung der Region heftige Kritik vor Ort ausgelöst hatte. Auch dort hat Lucas Gregorowicz mitgespielt.
Was zu Beginn mit der Zusammenarbeit zwischen den deutschen und polnischen Behörden als innovativ erschienen war, wirkt mit dem in Würde gealterten Personal heute tatsächlich etwas abgehängt. Auch Fritz Roth, der seit 2011 den Polizeihauptmeister „Wolle“ Wolfgang Neumann im „Polizeiruf“ spielt, verlässt mit dieser Folge die Reihe.

Probleme mit dem Format Fernsehkrimi

Das Unbehagen des charismatischen, immer etwas umwölkten Lucas Gregorowicz, der immerhin 13 Polizeiruf-Folgen seit 2015 getragen hat, hängt vielleicht auch mit dem deutschen Fernsehkrimi an sich zusammen. Auch sein Kollege Andre Kaczmarczyk plädiert im Gespräch mit der dpa dafür, sich auch mal wegzubewegen von der traditionellen Erzählweise. „Warum muss der Krimi immer mit einer Leiche beginnen? Warum bleibt ein Kriminalfall nicht auch mal ungelöst? Wenn man diese Traditionen nicht sprengt, brauchen wir uns nicht wundern, dass diese Formate einer gewissen Gleichförmigkeit unterliegen.“
Das Bittere ist: Gerade durch die ungewöhnliche Ermittlerkombination zwischen Gregorowicz und Kaczmarczyk waren die Charaktere in den beiden letzten Frankfurter Polizeiruf-Folgen deutlich interessanter und vielschichtiger als die Auflösung des wenig überraschenden Falls. Die Chance, hier aus dem Einerlei des deutschen Fernsehkrimis aufzubrechen in eine dramaturgisch anspruchsvollere und moderne Erzählform, ist mit dem Weggang von Lucas Gregorowicz für den rbb erst einmal vertan.
„Polizeiruf 110: Abgrund“ läuft am 11. Dezember, 20.15 Uhr, in der ARD, danach 6 Monate in der ARD-Mediathek.