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Filmfestival
Politik, Entertainment, Stars: Ausblick auf die Berlinale

Berlinale-Chef Dieter Kosslick verspricht „großes Entertainment mit großen Stars“. Foto: Michael Kappeler
Berlinale-Chef Dieter Kosslick verspricht „großes Entertainment mit großen Stars“. Foto: Michael Kappeler FOTO: Michael Kappeler
Berlin. Filme über Flucht, Religion und den Rechtsruck in Europa - die 68. Berlinale (15. bis 25.2.) wird wieder ein politisches Festival. Interview: Elke Vogel, dpa

„Man kann die Kunst nicht trennen von der Realität“, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick (69) im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Aber: „Es gibt bei der Berlinale auch großes Entertainment mit großen Stars“, so der Festivalchef.

Frage: In zwei Monaten wird der rote Teppich der 68. Berlinale ausgerollt. Wie viele Filme für den Bären-Wettbewerb haben Sie schon gesichtet?

Antwort: Ich habe bislang etwa 150 Filme aus den USA, Deutschland, Polen, Frankreich, Italien, der Russischen Föderation, natürlich aber auch aus Ländern in Asien und Lateinamerika oder Afrika gesehen. Aber die Auswahl ist noch nicht beendet. Immer mehr Filme treffen sehr spät zur Sichtung ein. Das hat mit der digitalen Produktion zu tun. In den letzten Tagen haben wir noch 30, 40 Filme für die Wettbewerbsauswahl bekommen. Wir haben aber schon gut die Hälfte des Wettbewerbsprogramms ausgewählt. Parallel dazu kam auch noch die Diskussion über die Zukunft der Berlinale auf uns zu.

Frage: Es geht um die Forderung von Filmregisseuren nach einer grundlegenden Reform des Festivals und der damit verbundenen Kritik an Ihnen selbst...

Antwort: Da werden zwei Dinge vermischt. Die Filmregisseure hatten eine Transparenz bei der Neubesetzung der Berlinale-Leitung nach 2019 gefordert. Das ist völlig legitim. Aber die daraus entstehende Debatte war nicht witzig. Vor allem im Ausland wurde nicht verstanden, was da los ist. Es gab Leute, die gesagt haben: Das ist unsicher mit der Berlinale, da geben wir unsere Filme nicht hin. Das haben wir ganz klar gemerkt.

Frage: Ist die Sexismus-Debatte in Hollywood ein Thema?

Antwort: Die #Metoo-Debatte hat große Auswirkungen gehabt. Man schaut Filme jetzt auch anders an. Wenn früher auf der Leinwand eine Sekretärin „vernascht“ wurde, dann hat man gesagt: Na gut, das steht eben so im Drehbuch. Jetzt sagt man: Naja, das müssen wir jetzt nicht auch noch zeigen. Es gibt noch ganz schön viele Filme, in denen für Frauen demütigende Szenen vorkommen. Wir haben aber auch Filme, die das Thema Missbrauch und Machtmissbrauch aufgreifen. Es gibt einige Filme, in denen am Ende der Mann „der Blöde“ ist.

Frage: Gerade haben Sie die ersten Wettbewerbsfilme bekanntgegeben. Darunter sind mit „In den Gängen“ von Thomas Stuber und „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning bereits zwei deutsche Produktionen...

Antwort: Es wird nicht dabei bleiben. Es gibt sehr, sehr gute deutsche Filme!

Frage: Wird sich die Berlinale wieder politisch positionieren - zum Beispiel mit Filmen, die vom voranschreitenden Nationalismus in Deutschland und in Europa erzählen?

Antwort: Man kann die Kunst nicht trennen von der Realität. Es gibt immer noch die Filme zum Thema Emigration - es gibt ja auch noch Flucht. Andere Filme erweitern das Thema. Da geht es um die zerstörerischen Folgen der Globalisierung. Wie zum Beispiel kann es sein, dass die EU Unsummen für den Export von Schweinefleisch und landwirtschaftlichen Produkten nach Afrika und in andere Länder ausgibt - und gleichzeitig die landwirtschaftlichen Strukturen in diesen Ländern zerstört werden. Dann gibt es zahlreiche Filme, die sich mit Religion und dem Rechtsruck in Europa beschäftigen. Aber: Es gibt bei der Berlinale auch großes Entertainment mit großen Stars.

Frage: Sie haben erklärt, nach Auslaufen Ihres Vertrages als Festivaldirektor im Mai 2019 nicht mehr für eine Leitungsfunktion bei der Berlinale zur Verfügung zu stehen. Könnten Sie sich einen Chefposten woanders vorstellen, es gibt ja auch noch andere Filmfestivals...

Antwort: Man soll ja nie nie sagen. Aber ich stehe nicht für einen der beiden von mir vorgeschlagenen Posten Künstlerischer Direktor oder Geschäftsführender Direktor der Berlinale zur Verfügung. Falls diese Trennung der Aufgaben jemals erfolgt. Den Vorschlag habe ich ja schon seit Jahren gemacht. Wenn ich unbedingt etwas machen will, dann bin ich überzeugt, dass ich etwas machen kann. Wo - das sei mal dahingestellt. Da gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht studiere ich auch Kunstgeschichte, Geografie oder Spanisch und verkaufe in der Markthalle Butterbrezeln.

ZUR PERSON: Dieter Kosslick (69) leitet die Internationalen Filmfestspiele Berlin seit 2001. Bei der Berlinale werden jedes Jahr im Februar die Gewinner des Goldenen und der Silbernen Bären gekürt. Neben den Filmfestivals in Cannes und Venedig zählen die Berliner Filmfestspiele zu den „großen Drei“. Der Vertrag des gebürtigen Pforzheimers als Berlinale-Chef läuft noch bis Mai 2019. Prominente Regisseure hatten in einer Erklärung ein transparentes Verfahren zur Neubesetzung der Berlinale-Leitung und einen inhaltlichen Neustart des Festivals gefordert. Zuletzt hatte Kosslick angekündigt, dass er nach Auslaufen seines derzeitigen Vertrages nicht mehr für eine Leitungsfunktion bei der Berlinale zur Verfügung steht.

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