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Poesie auf intensivem Klangteppich

Eine Brücke zwischen den Welten schlug das 5. Philharmonische Konzert im Staatstheater.
Eine Brücke zwischen den Welten schlug das 5. Philharmonische Konzert im Staatstheater. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Viel Beifall gab es in Cottbus für "Brandenburgisches Doppelkonzert 1" und Olivier Messiaens "Streiflichter über das Jenseits". Irene Constantin

Das fünfte Philharmonische Konzert am Wochenende war ein harter Brocken. Aber die Hinhör-Mühen lohnten sich. Evan Christ und das Cottbuser Orchester boten mit einer Uraufführung von Bernd Franke und einem Großwerk Olivier Messiaens einen intensiv bewegenden Abend.

Zwei junge Frauen. Eine musizierte auf Rahmentrommel und Tamburin, die andere sang und spielte die Oud, persische Vorläuferin aller europäischen Lauten. Ähnliche Größe, ähnliches braunes Haar, in ähnlichem Geschmack gekleidet, fast sahen sie einander schwesterlich ähnlich. Die eine, Cham Saloum, stammt aus einer syrischen Stadt nahe der jordanischen Grenze, die andere, Nora Thiele, aus Leipzig. In diesen beiden Frauen, die da vor dem Orchester als Solistinnen auf der Bühne nebeneinandersaßen, spiegelte sich bereits viel vom Anliegen und der Aussage des Werkes "Daheim in der Fremde" von Bernd Franke.

Dieses "Brandenburgische Doppelkonzert 1" ist eine Szene für Bariton, Sprecher, Oud, Solo-Percussion und Orchester nach Texten von Adel Karasholi. Doppelt ist es in jeder Hinsicht: westlich und orientalisch, gesprochen und gesungen, genau notiert und improvisiert, überdies wird es auch ein Doppelkonzert 2 geben. Der 81-jährige, kurdisch-stämmige, in Damaskus geborene Dichter Adel Karasholi lebt seit vielen Jahrzehnten in Leipzig. Ältere lasen seine zärtlichen, orientalisch bildreichen Verse schon in ihren poetischen Jugendzeiten. Zärtlich sind die Verse für "Daheim in der Fremde" noch immer, aber es ist Gefährdung darin, ein "Eiswind" und die im Alter immer stärker werdende Gewissheit, dass ein Flüchtling zwar irgendwo ankommen, sich von seiner Heimat aber niemals ganz losreißen kann. Er bleibt ein Brückengänger, vielleicht nur ein Seiltänzer über Abgründen.

Die sieben Sätze von Frankes halbstündigem Werk versuchen den musikalischen Brückenbau. Es gibt Orchesterlieder im "normalen" westlichen Klangbild mit Andreas Jäpel als Solisten, so exzellent und ausdrucksstark, wie man es nur erwarten konnte. Es gibt zwei "Teppiche" in denen Karasholi seine Gedichte über einem "Klangteppich" selbst rezitierte, und es gib zwei sehr intime, anrührende Improvisationen für Gesang, Oud und Percussion, sehr innig dargeboten von Cham Saloum und Nora Thieme. Dem Orchesterklang ein "fremdes" Kolorit zu verleihen gelang vor allem dem Konzertmeister Daniel Garlitsky, mit einem Violinsolo; nicht lang, nicht schwer aber so innig gespielt, dass es vollkommen gefangen nahm.

Für dieses Werk, das mehr Verständnis und Empathie für Flüchtlinge und Fremde zu wecken vermochte, als jeder Fernsehbericht, gab es einen ungewöhnlich langen, ungewöhnlich herzlichen Beifall in Cottbus.

Spannte sich Bernd Frankes Werk zwischen Ost und West, zwischen Fliehen und Ankommen, so maßen Olivier Messiaens "Eclairs sur l'Au-Delá. . .", "Streiflichter über das Jenseits" nicht weniger als den Abstand zwischen Himmel und Erde. In elf Sätzen meditiert Messiaen über den Kosmos und den Gesang der Vögel, über die Erscheinungen des Himmels, des Lichtes, der Farben. Es ist sein Opus summum, er arbeitete die letzten vier Jahre seines Lebens daran, die Uraufführung fand erst 1992, nach seinem Tode statt. Die Sätze tragen transzendente Überschriften wie "Die Sterne und die Herrlichkeit", "Der Weg des Unsichtbaren", "Der Prachtleierschwanz und die bräutliche Stadt". Jedem Satz stehen in der Partitur Bibelstellen, vor allem aus der "Offenbarung des Johannis" voran. Diese kurzen Texte und die Überschriften der einzelnen Sätze können durchaus als musikalisches Motto des jeweiligen Satzes verstanden werden. Die "Eclairs sur l'Au-Delá. . ." gehören auch jenseits aller katholischen Mystik zum Interessantesten, was seit vielen Jahren im Cottbuser Konzertprogramm auftauchte. Messiaen forderte für seinen Blick ins Jenseits eine gewaltige Orchesterbesetzung von unter anderem zwölf Klarinetten, ebenso vielen Flöten, einem Schlagwerk, das von zwölf Musikern zu spielen ist, Klavier und dem "normalen" Rest des Orchesters. Diese Klangmacht nutzt er nicht für Fortissimo-Überwältigungen der Zuhörer, sondern für ein unendlich variables Klang-Farben-Spiel. Messiaen war überzeugt, jeder Hörer assoziiere gleich ihm mit jedem Klang spezifische Farben. Tatsächlich hat man in den einzelnen Sätzen unterschiedliche Licht- und Farbassoziationen. Müßig, die Klangwelten der einzelnen Sätze beschreiben zu wollen; nur soviel: Der erste Satz, "Erscheinung des verklärten Christus" ist ein Choral von schattigen Bläserstimmen, ein extrem eng gepackter Akkord reiht sich an den nächsten, es klingt als sähe man alle Farben des Lichtspektrums gleichzeitig.

Der letzte Satz, "Christus, Licht des Paradieses" wiederholt diesen Choral noch einmal, diesmal in den hellen Klangfarben der hohen Streicher; der Kontrast ist von unglaublicher Wirkung. Dazwischen Klangexplosionen Vogelstimmen, Farbkaskaden von immer wieder anderer Art. Das Orchester und Evan Christ vollbrachten eine außerordentliche Leistung; Konzentration, Zusammenspiel, Ton- und Farbgebung wird man lange im Gedächtnis behalten.