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Platz für Kunst auf Berthelsdorfer Speicher

Letzte Arbeiten vor der Eröffnung im ehemaligen Kuhstall im Speichergebäude des Schlosses und Guts Zinzendorf. Der Stall wurde mit Landesförderung durch einen Verein umgebaut und soll künftig kulturell genutzt werden.
Letzte Arbeiten vor der Eröffnung im ehemaligen Kuhstall im Speichergebäude des Schlosses und Guts Zinzendorf. Der Stall wurde mit Landesförderung durch einen Verein umgebaut und soll künftig kulturell genutzt werden. FOTO: dpa
Berthelsdorf. Berthelsdorf in der Nähe von Herrnhut hat ein architektonisches Kleinod. Nach der Rettung des Zinzendorfschlosses vor dem Verfall können Bürger ein weiteres Gebäude nutzen – als Treffpunkt und für Kultur. Simona Block

Kunst statt Vorratskammer: Fünf Jahre nach der Renovierung des sanierten Schlosses der Grafen von Zinzendorf im Herrnhuter Ortsteil Berthelsdorf (Landkreis Görlitz) erstrahlt auch das Stall-Speichergebäude in neuem Glanz. Mit einer Ausstellung zur Geschichte des Ortes im Osten Sachsens ist es am Sonntag unter dem Namen Kulturspeicher eröffnet worden. Zugleich feierte Berthelsdorf seine erste urkundliche Erwähnung vor 700 Jahren.

Innenminister Markus Ulbig (CDU) sprach vor der Feier von einem "Meilenstein für die Achtung und den Erhalt kulturellen Erbes". Nachdem schon 2012 neues Leben ins Schloss einkehrte, kann nun auch der ehemalige Stall im Speichergebäude öffentlich genutzt werden. Wo bis 1992 noch Kühe standen, erklingt künftig nicht nur Musik. Auch für Kunst, Theater und andere kulturelle Veranstaltungen ist Raum. Das 200 Jahre alte Gebäude wurde möglichst originalgetreu saniert, samt den alten Toren und Fenstern. Farbmarkierungen machen das von Restauratoren freigelegte alte Bodenniveau teilweise sichtbar.

"Gerettet wurde so eines der größten und eindrucksvollsten historischen Wirtschaftsgebäude der Oberlausitz", lobt Ulbig. Das passe gut, werde doch 2018 in Europa das Jahr des Kulturerbes begangen. "Auch das Zinzendorf-Schloss mit allem, was hiermit verbunden wird, ist ein gutes Beispiel für europäisches Kulturerbe." Es brauche Ideen, Initiative, Entschlossenheit, Ausdauer und vor allem gute Zusammenarbeit für den Erfolg, dankte Ulbig allen Beteiligten. "Es wurde ganze Arbeit geleistet."

Der Freistaat investierte nach Ministeriumsangaben seit 1990 etwa eine Milliarde Euro, um die rund 1800 Kulturdenkmale in seinem Besitz zu erhalten. Für eine D-Mark hatte er 2001 das vier Hektar große Areal mit mehreren Gebäuden von der Treuhand erworben.

"Es war das erste und einzige Mal, dass das Land von seinem Vorkaufsrecht zum Erhalt von Kulturdenkmalen Gebrauch gemacht hat", sagt eine Sprecherin des Innenministeriums. Begünstigt war der 1998 gegründete Freundeskreis, der das teils vermüllte und ungepflegte Areal mit Herrenhaus und weiteren Gebäuden bewahren wollte.

Das Schloss wurde 1722 durch Graf Nikolaus von Zinzendorf (1700-1760) als Wohnsitz errichtet. Er nahm eine Gruppe mährischer Glaubensflüchtlinge auf und gründete mit ihnen die Herrschaft Herrnhut, später Zentrum einer Glaubensgemeinschaft. Die Herrnhuter Brüdergemeine gewann mit ihrer Missionstätigkeit weltweite Ausstrahlung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bruder-Unität enteignet, Berthelsdorf "Volkseigenes Gut" und das Schloss zum Wohnhaus. Seit den 1980er-Jahren verfiel die Anlage zunehmend.

Das Zeugnis des "Herrnhuter Barock", einer vornehm schlichten Form des Stils mit hochwertig ausgearbeiteten Details, ist der einzige erhaltene Großbau aus der Gründungszeit der Herrnhuter Brüdergemeine und aus Expertensicht "ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung". Der Freundeskreis mit 145 Mitgliedern im In- und Ausland sammelte eine halbe Million Euro für die Sanierung des Zinzendorfschlosses, die zehn Jahre dauerte und insgesamt rund 2,5 Millionen Euro kostete.

Für den Speicher kamen noch einmal 175 000 Euro zusammen, aus Spenden und von Stiftungen, wie Vereinsvorsitzender Andreas Taesler sagte. Gut 1,2 Millionen Euro steuerten Bund und Freistaat bei. Dank der finanziellen Hilfe ist die Pracht des um 1800 errichteten Speichers zurück.

Er ist für einen landwirtschaftlichen Funktionsbau ungewohnt anspruchsvoll gestaltet, samt in der Oberlausitz einzigartigen, weit gespannten Kreuzgewölben, wie Denkmalpfleger herausstreichen. "Es ist alles ein Wunder, das war nur mit Gottes Hilfe möglich", sagt Taesler, von Beruf Gemeindepfarrer. "Es ist ein weiterer Schritt, um das Areal zu einem Anziehungspunkt zu machen, wo Geschichte und Kultur erlebbar sind." Im Speicher werden noch Sanitäranlagen und Garderobe gebaut, und auch für ein weiteres Gebäude brauchen die Berthelsdorfer Enthusiasten künftig Hilfe: Der Vierseithof liegt noch im Dornröschenschlaf.