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| 02:39 Uhr

Parforceritt durch die Seelen der einzelnen Figuren

Überzeugend: (vorn v.l.n.r.) Alexander Höchst (Rudolph), Max Hemmersdorfer (Konrad), Kai Börner (Albert); (hinten v.l.n.r.) Sigrun Fischer (Bettina) und Heidrun Bartholomäus (Corinna).
Überzeugend: (vorn v.l.n.r.) Alexander Höchst (Rudolph), Max Hemmersdorfer (Konrad), Kai Börner (Albert); (hinten v.l.n.r.) Sigrun Fischer (Bettina) und Heidrun Bartholomäus (Corinna). FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Viel Beifall zur Premiere von Roland Schimmelpfennigs Komödie "Wintersonnenwende" in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. Inszeniert wurde es von Katka Schroth. Renate Marschall

Roland Schimmelpfennigs Art zu schreiben und Katka Schroths Lust daran, die Essenz eines Stückes zu ergründen, um dann alles um so besser auf die Spitze treiben zu können, haben zu einem atemberaubenden Theaterabend geführt. Allerdings musste man sich erst einmal hineindenken. Alle fünf Schauspieler stehen auf der Bühne. Nur spärliche Gesten bleiben ihnen, während Albert, das Familienoberhaupt, ihre Beziehung zueinander darstellt. Nach und nach kommen sie ins Spiel, das sich zu einem Parforceritt durch die Seelen der einzelnen Figuren steigert. Am Ende sind sie erschöpft - die Figuren und die Schauspieler - während die Mehrheit der Zuschauer ihren Spaß hatte und begeistert ist. Immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen, erzählen ihre Geschichte, geben sich selbst Regieanweisungen. Den Eindruck der Versuchsanordnung verstärkt, dass das Publikum wie in einem Hörsaal um die Bühne sitzt, von oben zuschaut , wie das Innenleben einer gutbürgerlichen Familie freigelegt wird. Was eignet sich besser dazu als Weihnachten, die Zeit veritabler Familiendramen?

Holocaustforscher Albert, der Bücher wie "Geschichte des Menschenversuchs" schreibt, ist sauer, weil sich seine Schwiegermutter Corinna wieder für längere Zeit bei ihnen einnistet. Noch wütender ist seine Frau Bettina. Sie dreht Filme, die, das behauptet zumindest ihre Mutter, keiner sehen will. Schließlich kommt noch Konrad, Maler, Freund von Albert und offenbar Liebhaber von Bettina zu Besuch. Albert hat was mit einer jüngeren Lektorin am Laufen. Die Runde wäre komplett, hätte nicht Corinna ihre zufällige Zugbekanntschaft Rudolph eingeladen. Der kommt aus Paraguay, ist Arzt und legt Wert darauf, kein Paraguayer zu sein "die sind klein wie Zwerge". Das bleibt nicht die einzige verbale Entgleisung. Mit einem Wasser des tausendjährigen Lebens macht er aus der Vorweihnachts- eine Wintersonnenwendfeier. Konrads Bild "Der Kampf" heißt bei ihm "Mein Kampf", und er stellt die These auf, dass man Menschen töten darf, wenn es einer höheren Sache dient. Keiner reagiert. Unpolitisch, innerlich völlig hohl, selbst nur Worthülsen produzierend, die oft gar nicht mehr über die Lippen wollen, ist die Familie für Rudolph leichte Beute. Einzig Albert ist frühzeitig klar, dass mit diesem Besucher etwas nicht stimmt, er eine Heimsuchung aus der Vergangenheit ist, ein Mengeleverschnitt. Prost auf 1000 Jahre, auch an die Zuschauer werden einige Gläser verteilt - und getrunken. Die Verführbarkeit ist groß. Schließlich zieht Albert die Reißleine und schmeißt Rudolph raus. Der revanchiert sich mit "Du Saujude". Aufgerissene Augen.

Albert und die anderen Figuren erwacht wie aus einem Traum. Kein verschütteter Rotwein auf dem Hemd, also fand alles nur im Kopf statt? Man fällt sich in die Arme - Friede Freude . . . und alles wieder auf Anfang?

Das Stück wird von den Schauspielern getragen. Sehr überzeugend Kai Börner als Albert, der verzweifelt versucht, seine Familie dem Wahnsinn zu entreißen. Sigrun Fischer spielt seine Ehefrau Bettina in ihrer ganzen Oberflächlichkeit, die am ehesten echte Emotionen im Hass auf ihre Mutter zeigt. Heidrun Bartholomäus ist eine ziemlich quirlige Großmutter, die mit Rudolph noch ein Stückchen Glück zu erhaschen sucht. Max Hemmersdorfer gibt den von Selbstzweifeln zerfressenen Künstler, der nur um sich selbst kreist. Alexander Höchst changiert als Rudolph zwischen Chopin spielendem Biedermann und gerissenem Verführer. Ein außergewöhnlicher Theaterabend, auf den einzulassen sich lohnt.

Zum Thema:
Martina Pumpa, Cottbus: Die Schauspieler waren toll, auf die außergewöhnliche Erzählform muss man sich einlassen. Rainer Kalisch, Cottbus: Ich muss das erst mal sacken lassen. Das Stück beschreibt so viele tief greifende Konflikte. An die Erzählweise muss man sich gewöhnen. Ich finde, der Text verliert dadurch etwas. Waldemar Natke, Cottbus: Katka Schroth hat eine Farce daraus gemacht. Ich finde, dieser tiefe, böse Text wurde total zerspielt.