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| 09:36 Uhr

Paradies in Azurblau

Nirgendwo duftet es türkiser: Der Swimmingpool ist der beste Ort, an dem man sein kann. Und er ist ein wiederkehrendes Motiv in der Kulturgeschichte. Vor allem im Kino wurde er zum Symbol. Philipp Holstein

Jetzt mal eben die Augen schließen und hinhören. Das Rauschen der Bäume im Wind. Das Lecken des Wassers am Beckenrand. Das Zischen einer geöffneten Colaflasche. Das Knacken der Eiswürfel im Glas. Das Schmatzen der Schritte. Das Platschen eines Körpers, der sich ins Wasser fallen lässt. Man müsste diesen Soundtrack auf CD brennen und immer abspielen, wenn man sich schlecht fühlt, denn danach geht es einem ganz sicher wieder bestens. Und damit man die CD auch wiederfindet, schreibt man mit dickem Filzstift ein Wort darauf: "Swimmingpool".

Der Swimmingpool ist der beste Ort, an dem man sein kann, nirgendwo klingt es blauer, nirgendwo riecht es türkiser. Swimmingpool ist Eis im Hörnchen, Wasser im Ohr und Schmetterlinge im Bauch. Er liegt abseits des Alltags; ein magischer Platz ist das, und genau genommen sollte man dort die Augen lieber doch nicht ganz schließen, sondern noch ein bisschen blinzeln. Dann sieht man nämlich den Nebel des Beckens, der das Licht in vagen Farben bricht. Die silbernen Schlieren. Den Schimmer. Ein Swimmingpool ist ein Stück Azur, das jemand, der es gut mit uns meint, aus dem Himmel geschnitten hat. Nun liegt es da und glitzert und macht damit die Menschen verrückt. Wer hineinspringt, wird leicht wie ein Wolke.

Bevor der britische Maler David Hockney in den 1960er Jahren nach Amerika kam, malte er vor allem dunkle Bilder. Dann sah er die vielen Pools unter der Sonne Kaliforniens, und fortan malte er hell und farbig. Er malte das Blau, dieses changierende Blau. Und er wurde weltberühmt als jener Künstler, der wie kein anderer das Flirren einfängt, das über der Wasseroberfläche liegt. Die Atmosphäre, das Ungreifbare und doch Anwesende. Das Geheimnis. Man sehe sich nur noch einmal sein Meisterwerk "A Bigger Splash" an. Es hängt in der Tate Gallery in London und zeigt ein Becken, in das soeben ein Mensch getaucht ist. Aber den Menschen selbst sieht man nicht: Da sind nur Spuren von ihm, spritzendes Wasser und Gischt. Der Swimmingpool, sagt Hockney, sei ein Symbol. Es versinnbildliche Hedonismus, sexuelle Freiheit und das joie de vivre.

Das Symbolhafte dieses Ortes zieht sich durch die Kulturgeschichte. Im Kino-Klassiker "Die Reifeprüfung" (1968) liegt Benjamin alias Dustin Hoffman auf einer Luftmatratze im Pool, und dazu simon-und-garfunkelt das Lied "Sound Of Silence". Stillstand und Trägheit, Verlorensein und Zuspätkommen. Die Poolszene ist reiner Transit zwischen Jugend und Erwachsensein, und sehr schön ist dieser Dialog: "Benjamin, was tust du da?" - "Nun, ich würde sagen, ich lasse mich treiben." - "Warum?" - "Es ist sehr angenehm, sich treiben zu lassen."

Die ersten Schwimmbecken wurden um 2500 v. Chr. in der Induskultur auf dem Gebiet des heutigen Pakistan gebaut. Die Pools, die Archäologen dort entdeckten, waren sieben mal zwölf Meter groß und zweieinhalb Meter tief, und wegen der Maße sind sich die Fachleute einig, dass sie nicht bloß zur Körperreinigung, sondern auch dem Vergnügen dienten. In Ägypten und Rom gehörte das Schwimmen später ohnehin zum guten Ton, und bei den alten Griechen galt man gar als ungebildet, wenn man nicht schwimmen konnte.

Wobei das Prinzip des Swimmingpools ja inzwischen beinhaltet, dass es weniger ums Schwimmen geht, als vielmehr ums Baden. Die insofern schönste Erzählung über das Badengehen schrieb der US-Autor David Foster Wallace. In "Für immer da oben" steht ein kleiner Junge auf einem Sprungbrett, und was er dort spürt, ist glitzernde Wahrhaftigkeit: "Außerhalb von dir vergeht keine Zeit. Es ist unglaublich. Das Wasserballett unten vollzieht sich in Zeitlupe und mit den überbreiten Mimen in blauem, halb flüssigem Wackelpudding. Wenn du wolltest, könntest du ewig hier oben bleiben, innerlich vibrierst du so schnell, dass du scheinbar reglos über der Zeit schwebst, wie eine Biene über etwas Süßem."

In der Mythologie ist das Wasser der Ort, in dem Umwandlungen stattfinden. Man denke an Sirenen und Meerjungfrauen, an die Taufe und die Geburt der Venus. "Badende Venus" heißt nicht ohne Grund einer der bekanntesten Filme der früheren Wettkampfschwimmerin Esther Williams. Im Swimmingpool ist das Element zwar domestiziert - manchmal bis zur Karikatur: Frank Sinatra etwa ließ sich in Palm Springs einen Pool in der Form eines Pianos bauen, und Kirk Douglas hatte ein Becken in K-Form in seinem Garten. Aber ein Hauch von Ursprünglichkeit ist noch zu spüren. Solange man drin ist, gilt man als geborgen und beschützt. Juliette Binoche lässt sich in dem Film "Drei Farben: Blau" im Wasser treiben, nur dort fühlt sie sich sicher. Die Konturen des Körpers verlaufen im Element, aus dem man stammt. Sie verschwimmen buchstäblich.

Am Beckenrand kommt das Leben dann schon näher, mitunter zu nah. Romy Schneider und Alain Delon haben es in "Der Swimmingpool" 1966 gezeigt. Viel Körper, enorme Spannung. Die intensive und aufgeladene Atmosphäre ergab sich auch daraus, dass da zwei Weltstars Anziehung und Abstoßung erprobten, die wenige Jahre zuvor wirklich ein Paar gewesen waren. Das Begehren, die Hitze, das Lauernde und die Abgründigkeit, die dieser Film feiert, wurden stilbildend. "Swimmingpool" (2003) von François Ozon und "A Bigger Splash" (2016) von Luca Guadagnino wirken wie Zitate des Originals.

Der Pool ist im Kino eine Metapher für Gefühlszustände. Der große Gatsby wird erschossen, als er versonnen träumend auf seiner Luftmatratze liegt. Und die allerbeste Produktion ist in dieser Hinsicht "Der Schwimmer" (1968) nach einer Kurzgeschichte von John Cheever: Burt Lancaster durchschwimmt in Connecticut die Pools seiner Freunde, er benutzt keine Straße für seinen Heimweg, sondern eine Reihe von Schwimmbecken. Die Aktion wird zu einer Biografie in Azurblau. Mit jedem Pool-Besitzer verbindet ihn eine Geschichte, und der Zuschauer merkt allmählich, dass Lancaster viel verloren haben muss im Leben, dass er gebrochen ist. Am Ende regnet es, die Farben werden dunkler, und da ist kein Pool mehr: Lancaster steht in Badehose im Sturm, und das Ende ist nahe. Ein Fisch ohne Wasser. So wirkte auch Marilyn Monroe. Sie hatte seit mehr als einem Jahr keinen Film mehr gedreht, als sie 1962 die Dreharbeiten zu "Something's Gotta Give" in der Regie von George Cukor begann. Legendär sind die Fotos der Probeaufnahmen am Swimmingpool, auf denen Monroe über die Beckenkante schaut. Sie wirken wie ein letzter Gruß vorm Untergang. Weil sie sich danach krank meldete, wurde sie gefeuert. Kurz danach starb sie.

Aber das ist Hollywood. Weit weg. Dann lieber hierbleiben, hinhören, blinzeln und Atmosphäre schnuppern. Lackierte Zehennägel. Gelbe Hitze. Salziger Geschmack. Lichtstrahlen. Schmunzeln. Wandernde Wolken. Schrumpelige Fingerspitzen. Sonnencreme. Dösen. Blue Curaçao. Schwimmflügel. Chlor. Sehnsucht. Plitsch und Platsch. Nasse Haare. Müdigkeit. Swimmingpool ist Traumfabrik.

Swimmingpool ist Paradies.