Das vierte der "Sea-Interludes" aus Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" eröffnete den vom ersten bis zum letzten Ton extrem intensiven Konzertabend. Das Stück ist eine Passacaglia, deren Formgesetz ein sich ständig wiederholendes Bassmotiv verlangen, über dem sich Variationen entfalten. Wo die auch hinführen mögen, die Basslinie ist unausweichlich. "Peter Grimes" spielt in einem Dorf an der Küste, die Zwischenspiele spiegeln nichts als das Meer.

Spanische Elemente bei Britten

Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15 hat vordergründig ein spanisches Element in sich, Hommage an Antonio Brosa, den Geiger der Uraufführung. Brosa war um Haaresbreite dem Franco-Regime entkommen. Kurz vor dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges hatte er gemeinsam mit Britten in Barcelona konzertiert.

Ein trauriger Flamenco-Rhythmus, vorgestellt von der Pauke, eröffnet das Konzert. Die Violine spinnt einsam ihre entrückte Melodie darüber hin. Ein sich immer mehr verstärkendes gleichbleibendes Orchestermotiv trägt sie, bedrängt sie auch, bis unvermittelt ein brillanter, heiter spielerischer Teil wie ein Versteckspiel aufleuchtet.

Dieses Ablenkungsmanöver bestimmt auch den rasanten Mittelsatz mit seiner ätzend spöttischen Komik. Eine sensationelle Kadenz leitet in den Schlusssatz über. Wieder ist es eine Passacaglia, diesmal von den Posaunen eröffnet, die den Geigenspieler und alles Spielerische gefangen hält.

Seine Unbestimmtheit, sein glitzernd veränderliches Leuchten, sozusagen den Blick auf das Meer, erhält das Werk durch Brittens Umgang mit der Tonalität des Werkes. Unentschieden changieren die Ecksätze zwischen Dur und Moll. Lastend und leuchtend in schnellem Wechsel liegt das Licht vor allem auf der Stimme der Solovioline.

Solist war der junge Linus Roth. Man staunt inzwischen schon darüber, einen Mann in dieser Position auf dem Podium zu sehen; die Zahl grandioser Geigerinnen der jüngeren Generation ist Legion. Linus Roth spielt sehr fein, zurückgenommen, stilsicher, ausgesprochen vornehm. Er findet genau den noblen Ton, den man mit dem britischen Gesamtkunstwerk Benjamin Britten verbindet: sehr sensibel, durchaus auch sinnlich und temperamentvoll, aber nie die Contenance verlierend. Mit demselben sicheren Stilbewusstsein, dem aber auch eine gewisse monochrome Klangfärbung eigen ist, musizierte Roth als Zugabe eine Bach-Sarabande.

Überraschendes Ende

Als Hauptwerk des Abends dann deutsche sinfonische Romantik, die 3. Sinfonie von Johannes Brahms. Evan Christ langte herzhaft zu. Unfeierlich, schnell und kraftvoll ließ er den drängend unruhigen 1. Satz spielen. Keine Zäsur nach abgeschlossener Entwicklung gönnte er der Musik, man fühlte schiere Atemnot.

Wirkte sich das rasche Tempo, das stringente Voranschreiten im Kopfsatz nachteilig aus, offenbarte sich im zweiten Satz der Vorteil dieser Herangehensweise. Die bestimmende Melodie der Klarinette behielt ihre unverklärte Bodenhaftung als volkstümliche Hirtenweise, die Musik blieb in schönem Fluss. In vielen Brahms-Werken muss man lange warten, bis die eine unvergleichlich sehnsüchtig süße Melodie aufkeimt, in der 3. Sinfonie ist es das Cellothema am Beginn des 3. Satzes. Es stockt wie ein verhaltener Atemzug, kaum erträglich das Warten auf die Fortführung. Evan Christ ließ es gerade so spielen, dass man gar nicht genug Wiederholungen dieser kleinen Melodie hören konnte.

Der Schlusssatz ist noch einmal eine einzige eruptive Entladung, eine Konklusion der vorangegangenen Themen. Man erwartet die große Apotheose, aber das Ende ist überraschend. Auf einmal spielen die Streicher gedämpft und leise eine zarte Wellenbewegung. Darüber singen Posaunen und Holzbläser noch einmal choral artig das Hauptthema und schließen ruhig. Diesem unglaublichen Schluss verliehen Evan Christ und das Orchester eine geradezu transzendente Entrücktheit. Es dauerte, bis die Zuhörer sich wieder auf Erden zum Beifallssturm einfanden.