„Schlecht ausgeleuchtet“ , kommentiert Martin Schüler den kurzen Filmausschnitt, der am Beginn des Abends steht. Klaus Kinski alias Fitzgerald versucht seine Wahnsinnsidee zu verwirklichen, inmitten des Urwaldes von Peru eine Oper zu bauen. Er riskiert dafür alles. Da hat es der Cottbuser Intendant schon einfacher, er musste nur sein frisch renoviertes Haus wieder aufschließen, durfte sich an der verbesserten Akustik sowie an den nach dem Urlaub frisch geölten Stimmen seiner Solisten und des Chores freuen. Und so schwärmt er von seinem Ensemble, das das beste ist, das er je hatte, dem Haus und der Stadt, in der er weiter gerne Theater-Intendant ist. Und natürlich von der ewig jungen Oper, die ihre Faszination nicht zuletzt aus der Erotik der menschlichen Stimme beziehe. Der Text sei oft eher unwichtig: „Wenn man so ein Libretto nur liest, kann man sich einen humorigen Abend machen.“ Davon dürfte Schüler schon einige gehabt haben seit seinem Studium der Opernregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin und den Meisterschülerjahren bei Ruth Berghaus. Er erzählt von Mannheim, wo er vor Jahren einen von der Kritik hoch gelobten Wagner-Ring inszeniert hat. „Die haben alles umbesetzt, ich traue mich gar nicht mehr hin.“ Und von seinem jüngsten Regie-Gastspiel, der Uraufführung von Siegfried Matthus' Oper „Cosima“ in Gera. Wie er zu diesem Auftrag gekommen sei, interessiert die charmant agierende Gesprächsleiterin und natürlich auch alle anderen im Raum. Alte Seilschaften, stellt sich heraus. Die Berghaus hatte 1985 zur Eröffnung der Dresdner Semperoper „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Matthus inszeniert, Schüler lernte den Komponisten dort kennen, und heftete sich, einmal Meisterschüler an der Akademie, auch an die Fersen dieses Meisters. „Man muss sich seine Lehrer danach aussuchen, wo man am meisten lernen kann.“ Um Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner geht es im jüngsten Matthus-Werk, das wir, wie Schüler verriet, auch in Cottbus erleben können. Ein Wagnis bei dem doch eher konservativen Abonnement-Publikum„ Schüler findet, da müssen sie durch. „Wir müssen doch neugierig bleiben, können uns hier doch nicht einkitschen.“ Und bezieht sich mit dem Gesagten auch auf die vom Premierenpublikum ausgebuhte Inszenierung der „Zauberflöte“ von Anna Malunat, die er für eine der begabtesten jungen Regisseurinnen hält. „Wichtig ist für mich, wer passt zu uns, wer bereichert uns“ Neugierig zu bleiben, das ist auch wichtig für das Ensemble.“
Martin Schüler selbst hält es mehr mit der Werktreue. „Ich finde, dass die Probleme der Menschen seit dem Bau der Pyramiden gleich geblieben sind. Mit ihren Themen sind die Opern aktuell.“
Schüler bekennt, ein Fan des Ensembletheaters zu sein, wo junge Schauspieler und Sänger noch Zeit haben, sich zu entwickeln. „Ich setze eine Oper erst dann auf den Spielplan, wenn die Sänger sie bewältigen können.“ Eine solche Oper ist „Salome“ , die im Juni 2008 Premiere hat und auf die sich Schüler fast ebenso lange gefreut hat wie auf den „Troubadour“ . Apropos Premiere. Am 19. Oktober hat die „Mozartnacht“ nach Peter Scheffers „Amadeus“ Premiere. Nicht in Cottbus, da war sie schon. Studenten der Hochschule für Musik und Theater Rostock, wo Martin Schüler unterrichtet, führen sie auf. Spartenübergreifendes Arbeiten, wie es der Intendant in Cottbus pflegt, wird hier geübt. Manch anderes auch noch - etwa Pünktlichkeit. Ganz begeistert ist der Schüler-Lehrer von dem Nachwuchs, der vielleicht ja auch in Cottbus irgendwann Zeichen setzen könnte.
Um Zeichen ganz anderer Art ging es am Ende des Gespräch. Postwert-Zeichen. Martin Schüler als leidenschaftlicher Philatelist. Briefmarken und nicht nur solche mit Komponisten oder Opernhäusern sind seine Leidenschaft - und ausgesprochen allgemeinbildend, wie er herausgefunden hat. Auch erholsam, sie bleiben aufgeräumt und sortiert, sind nicht eifersüchtig . . .
Kinski. Oper, Briefmarken und die alten Ägypter - es war ein prall gefüllter Abend.