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| 18:44 Uhr

Der aktuelle Kinotipp
„Tanz mich bis zur Liebe Schluss“

Frankfurt (Oder). Eine bemerkenswerte Doku über die Familie Brasch, die auch eine Zeit lang in Cottbus lebte, kommt auf die Leinwand. Von Thomas Klatt

Eigentlich sei das nur ein Abfallprodukt, eine Vorstufe für einen kommenden Spielfilm, sagt Regisseurin Annekatrin Hendel bei den Münchner Filmfestspielen, wo der Film „Die Familie Brasch“ vor wenigen Wochen Premiere hatte. Die Berlinerin hatte sich schon oft mit Biografien befasst, zum Beispiel, in der Doku „Anderson“, wo sie versuchte, das Wesen des begnadeten Szene-Lyrikers Sascha Anderson, der zugleich Stasi-Spitzel war, zu ergründen. Die Widersprüche im Großen und im Kleinen sind es, die Hendel schon seit Langem beschäftigen.

Ihr aktuelles Thema ist nicht weniger politisch. Die Geschichte dieser zerrissenen Familie Brasch beginnt in der Zeit des Nationalsozialismus. Die erzählerische Klammer setzt Marion Brasch: „Ich bin die Letzte, die sie erzählen kann“, sagt die Tochter des Funktionärs Horst Brasch. Alle anderen sind bereits tot. Gestorben vor Kummer, am Suff, am Tablettencocktail und am Herzinfarkt wie Thomas Brasch, der vielleicht bekannteste Protagonist dieses Films.

Horst Brasch, geboren 1922, Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie, muss 1938 Nazi-Deutschland verlassen. Er gehört zu den 10 000 Kindern, die Hitlerdeutschland in Richtung England fahren lässt – in die Freiheit. In London trifft er auf Gerda Wenger, deren jüdische Familie aus Wien kommt und emigrierte. Sie werden ein Paar. Horst wird Kommunist, gründet in London unter anderem eine englische Gruppe der FDJ. Bevor das Paar nach dem Krieg in die Sowjetische Besatzungszone übersiedelt, wird Thomas geboren. In der DDR kommen die Brüder Klaus und Peter zur Welt. Marion, die Jüngste, kommt 1961 nach.

Die politischen Umstände machen die Braschs zu einer Familie der Konflikte: Der Vater macht als Kommunist in Berlin politisch Karriere und steigt bis zum stellvertretenden Kulturminister auf. Gerda scheint hingegen an den alltäglichen Kleinheiten des Alltags zu verzweifeln. Doch die Karriere von Horst Brasch ist nicht geradlinig. Er wird mehrmals versetzt – mit Frau und Familie – wie das bei Funktionärsfamilien üblich war. Sie landen mal in Karl-Marx-Stadt, mal in Cottbus, wo Brasch immer wieder neu Karriere macht. Bis ganz nach oben kommt er nie. Er ist West-Immigrant. In der Parteihierarchie hatten die, die in den Osten emigriert waren und zurückkamen, Vorrang. Seine Frau Gerda hingegen arbeitet journalistisch. Eine Zeit lang ist sie bei der LAUSITZER RUNDSCHAU tätig. Kollegen schildern sie später als klug, von stillem Charme, aber zurückhaltend und den menschlichen Themen zugewandt.

1968 walzen Breschnews Panzer den Prager Frühling nieder. Das ohnehin wackelige Familiengefüge zerreißt. Thomas demonstriert gegen die Besetzung und wird verhaftet. Für ihn ist klar: Der eigene Vater hat ihn denunziert. „Das hat die Stasi auch so gewusst“, sagt sein langjähriger Freund Christoph Hein, Pfarrerssohn und Schriftsteller bis heute. Der Parteisoldat Horst Brasch gibt ihm die Schuld an den Zersetzungen, die seine Familie durchfurcht. Dass es das System ist und nicht der Klassenfeind, darauf kommt er nicht.

Die Regisseurin Hendel kommt nicht umhin, Thomas Brasch in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist der begabteste Sohn, der den Aufruhr in den Augen trägt. Schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Bücher und Gedichte. Wenn er den Raum betritt, halten alle die Luft an. Ein interessanter Mann mit toller Stimme, so schildern ihn viele, verführerisch und charismatisch. Alle mochten ihn, seine Frauen, die Freundinnen, die Freunde. Richtig böse war ihm niemand wegen seiner Eskapaden und Egoismen. Auch nicht die spätere Liedermacherin Bettina Wegner, kurze Zeit Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes Benjamin.

Der Ärger ist programmiert: Weil er 1976 gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert und weil sein Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ nicht erscheinen darf, verlässt er mit der damaligen Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna die DDR. Im Westen kämpft er sich durch, dreht Filme, schreibt Texte und erhält Preise – und bleibt doch der sperrige Gesellschaftskritiker. Einen Eklat gibt es, als er, von dem DDR-Kritisches verlangt wird, sich bei der Filmpreis-Verleihung in München bei der Filmhochschule „Konrad Wolf“ für seine Ausbildung bedankt. So muss der Minnesänger Heinrich von Ofterdingen gewirkt haben, als er an fremdem Hof den heimischen Fürsten lobte.

Doch auch die Brüder Peter und Klaus finden in dem Familienporträt Platz. Klaus fällt als Befehlsverweigerer bei der NVA in Ungnade. Er macht sich als Schauspieler (unter anderem „Solo Sunny“) einen Namen. Peter muss wegen seiner Biermann-Proteste das Studium abbrechen und wird Produzent von Kinderhörspielen, die manche Großeltern noch heute ihren Enkelkinder vorspielen. 1975 stirbt Gerda Brasch, nicht zuletzt wohl auch an gebrochenem Herzen. Horst Brasch, der linientreue Funktionär, stirbt 1989 kurz vor dem Sturz Honeckers. Zu Wort kommen in dem Film allerhand Zeitzeugen: Katharina Thalbach natürlich, Christoph Hein, Florian Havemann, allesamt Nahestehende, die mit den gesellschaftlichen Verhältnissen hadern.

Doch die Geschichte ist nicht berechenbar: Die kleine Schwester Marion, die es als Kind gern harmonisch gehabt hätte, die nicht auffallen wollte zwischen den väterlich-brüderlichen Alphatieren, die lieber noch einmal das Pionierhalstuch zurechtzupfte, als sich mit den Männern anzulegen, ist heute die Erfolgreichste, schreibt Bücher („Ab jetzt ist Ruhe!“), macht Filme und Theater, und ist lange Zeit für viele die wichtigste Stimme von Radio Eins. Über ihren Vater sagt sie: Die Partei war seine Familie, das war unser Dilemma.

Am Ende wird die große Geschichte, die diesen Film durchzieht, ganz menschlich. Bettina Wegner wirkt fast etwas unbeholfen, greift noch einmal zur Gitarre und singt sehr frei nach Leonhard Cohen: „Tanz mich bis zur Liebe Schluss.“

Familie Brasch – eine deutsche Geschichte, Deutschland 2018, 103 Min., Am 20. (mit Filmgespräch) und 22. September ist er im Cottbuser Obenkino zu sehen.

Marion Brasch in einer Szene des Films „Familie Brasch – eine deutsche Geschichte.“   
Marion Brasch in einer Szene des Films „Familie Brasch – eine deutsche Geschichte.“   FOTO: dpa / -