| 18:16 Uhr

"Ohne Träume wäre das Leben leer"

Stets streitbar: Luc Jochimsen.
Stets streitbar: Luc Jochimsen. FOTO: Laurence Chaperon
Cottbus. Ihr Leben ist reich an Erlebnissen und Entscheidungen – meist unkonventionellen: Luc Jochimsen. Sie ist Journalistin, Soziologin, Politikerin, hat eine Meinung, die streitbar ist, und viel zu erzählen. Am 4. April um 19 Uhr liest sie im Rahmen des Cottbuser Bücherfrühlings in der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus aus ihrer Autobiografie "Die Verteidigung der Träume". mar1

Frau Jochimsen, welche Träume waren das, die zu verteidigen Sie sich aufgemacht haben?
Eigentlich ist es mein Kindheitstraum von einem Leben ohne Krieg und Diktatur. Entwickelt hat er sich aus dem Albtraum einer Kindheit, die nur Krieg und Diktatur kannte. Und dann war diese große Hoffnung am Ende des Krieges: Es gibt ein Leben in Freiheit, in Demokratie und Chancen auch für Mädchen.

Warum waren sie zu verteidigen, wer hat sie Ihnen streitig gemacht?
Mein Vater hat mir von vornherein klar gemacht, dass einem nichts geschenkt wird. Errungenes muss nicht Bestand haben. Auch nicht das Glück, in einer demokratischen Gesellschaft ohne Krieg leben zu können. Man muss es verteidigen. Und nur, wenn viele das tun, bleibt das Glück.

Der Traum von einer gerechten Welt - ist der heute nicht utopischer denn je?
Das ist eine schreckliche Erfahrung. Man kommt sich als älterer Mensch so naiv vor. Ich habe damals nach dem Krieg wirklich geglaubt - und damit war ich ja nicht alleine - Humanität wird sich überall durchsetzen. Und wir haben ja auch viel erreicht. Zum Beispiel, dass die Todesstrafe in einem Land nach dem anderen abgeschafft wurde. Wir dachten, das geht so voran. Man konnte sich nicht vorstellen, dass weiter gefoltert wird, dass Menschen in Kriegen sterben. Das zeigt nur, wie verteidigungsbereit wir alle sein müssen - immer und immer.

Wenn man Ihre Vita liest, bekommt man den Eindruck, leicht gemacht haben Sie es sich nie. Was reizt Sie daran, gegen den Strom zu schwimmen, Dogmen aufzubrechen?
(lacht) Ich kann das schwer erklären. Irgendwie sind immer Dinge auf mich zugekommen. Oder ich habe etwas gesehen und mich eingemischt - in der Hoffnung, es ändern zu können. Oft haben mich Zufälle zu solchen Themen geführt. Hätte ich 1959 nicht den Reportageauftrag erhalten, über die Ankunft des letzten großen Aussiedlertransports aus Polen im Rahmen der Aktion Familienzusammenführung zu berichten, hätte ich mich wohl nicht ein halbes Leben lang mit der rassistischen Diskriminierung der Roma auseinandergesetzt. In dem Transport saßen auch 300 Zigeuner, denen nur Ablehnung entgegenschlug. Ich wollte wissen, was macht sie zu den ewig Ausgestoßenen.

Ganz zufällig ist das ja aber nicht, dass eben diese Themen Sie finden.
Sicher nicht. Das Diktum meines Vaters: "Du musst dich einmischen, jetzt, wo du es kannst", habe ich sehr ernst genommen.

Sie haben 2002 quasi die Seiten gewechselt - von der Journalistin, die Politik reflektiert zur PDS-Spitzenkandidatin bei der Hessenwahl, saßen im Bundestag - was hat Sie dazu bewogen?
Auch da spielt der Zufall eine Rolle. Die PDS hat mich gefragt. Nachdem ich 1994 aus London zurückgekommen bin, empfand ich sie als eine Partei von hochinteressanten Personen. Als eine Partei, die eine ganz wichtige Funktion in unserem vereinigten Land übernahm und dennoch diffamiert und ausgegrenzt wurde. Sich für diese Partei einzusetzen, fand ich richtig und wichtig.

Welche Erfahrungen haben Sie als Politikerin gemacht?
Ich habe gemerkt, dass das mit der anderen Seite gar nicht so stimmt. Medien und Politik sind inzwischen so eng miteinander verwoben, dass sich viele Parallelen ergeben. Darüber hinaus habe ich erfahren, dass man auch als kleine Oppositionspartei durchaus Politik verändern kann. 2005 waren wird die Einzigen, die das Thema Mindestlohn in die Debatte warfen. Die Sozialdemokraten tun ja heute so, als hätten sie das erfunden. Damals wurden unsere Anträge mit großer Mehrheit, auch den Stimmen der SPD, überstimmt. Aber nun passierte etwas Interessantes, das Thema hatte sich nicht erledigt. Es trieb in der Gesellschaft und kam immer wieder auf die politische Agenda. Man kann also selbst aus der diffamierten Opposition heraus andere Parteien zu gesellschaftsverändernden Schritten bewegen.

Auch wenn sich nicht alle Träume erfüllen, wie wichtig sind sie dennoch für ein Leben?
Überlebenswichtig. Ohne Träume wäre das Leben leer.

Mit Luc Jochimsen

sprach Renate Marschall

Zum Thema:
Lukrezia Luise "Luc" Jochimsen wurde 1936 in Nürnberg als Tochter eines Speditionskaufmannes geboren. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie und promovierte 1961 zur Dr. phil. und war später unter anderem ARD-Korrespondentin in London. Zur Bundestagswahl 2002 war Luc Jochimsen in Hessen Spitzenkandidatin der PDS. 2003 hatte sie die Theodor-Herzl-Dozentur am Institut für Medienwissenschaft und Journalismus der Uni Wien inne. Von 2005 bis 2013 saß sie für die Linkspartei im Bundestag. 2014 erschien ihre Autobiografie "Die Verteidigung der Träume".