Was schreibt die Satzung vor - wer überhaupt kann Grünebaum-Preisträger werden?
Man muss möglichst unter 30 Jahre alt sein und auf seinem Gebiet - sei es als Wissenschaftler an der BTU oder als Mitarbeiter im Staatstheater - aus dem Rahmen fallen.

Was fällt denn nach Ihrer Überzeugung aus dem Rahmen?
Prof. Lambrecht: Um aus dem Rahmen zu fallen, ist ein Höchstmaß an Kreativität erforderlich. Die Stiftung möchte junge Talente fördern, die durch besondere Leistungen auf sich aufmerksam machen. Zum Beispiel durch neue wissenschaftlich-technische Ideen oder spektakuläre künstlerische Leistungen.

Woher kommen die Vorschläge?
Prof. Lambrecht: Die kommen aus der Universität beziehungsweise aus dem Staatstheater, mit genauer Begründung, warum die jungen Leute besonders geeignet sind. Kuratorium und Vorstand wählen während einer gemeinsamen Sitzung im Frühsommer aus den Vorschlagslisten die Besten aus. Die Stifterfamilien sind an diesem Prozess beteiligt, nicht nur durch John Gumbel und Aubrey Newman, die Mitglieder des Kuratoriums sind. Einen Tag vor der Preisverleihung werden die Vorschläge dann noch einmal förmlich bestätigt.

Wo wir schon mal so nett zusammensitzen - wer sind denn nun die Preisträger in diesem Jahr?
Prof. Lambrecht: Nicht ohne unseren Anwalt. Glauben Sie mir, es sind wirklich tolle Preisträger.

Jens Gerards: Und die sollen auch erst zur Preisverleihung davon erfahren. Wir machen es uns mit der Auswahl wirklich nicht leicht, manchmal werden Entscheidungen erst nach intensiver Diskussion getroffen, und es gab auch schon den Fall, dass das Kuratorium den Vorschlägen nicht gefolgt ist.

Wie sehen Sie heute in der Stiftung den Versöhnungsgedanken, mit dem die Stifter sie 1997 ins Leben riefen, verwirklicht?
Prof. Lambrecht: Ich bin nach wie vor beeindruckt über das Engagement der Stifterfamilien, das sich nicht nur in der großzügigen finanziellen Ausstattung der Stiftung zeigt. Zu jedem Festakt kommen Vertreter der Familien aus Großbritannien, Mr. Peter Gumbel und Mr. Aubrey Newman werden in diesem Jahr dabei sein. Aber nicht nur das. Etwas Besonderes ist der Förderpreis für ein Mitglied des Staatstheaters: ein knapp einwöchiger Aufenthalt in London. Der Preisträger wird dort von einem Mitglied der britischen Stifterfamilien betreut. Der Gedanke der Verständigung, des Näherrückens beider Länder kommt darin sehr deutlich zum Ausdruck.

Jens Gerards: Welche Wertschätzung der Max-Grünebaum-Preis auch in Großbritannien selbst erfährt, zeigt sich auch darin, dass sich seine Exzellenz Nick Pickard, Generalkonsul der Britischen Botschaft in Berlin, zur diesjährigen Preisverleihung angekündigt hat und ein Grußwort sprechen wird.

Die Kinder der Stifter gehören der Nachkriegsgeneration an - wie groß ist deren Interesse an der Geschichte ihrer Familie?
Jens Gerards: Sehr groß. Die Brüder Gumbel sind dabei, Nachforschungen anzustellen, wie das mit der Enteignung der Grünebaumschen Tuchfabrik genau war und was während der Novemberpogrome 1938 in Cottbus geschah. Peter Gumbel hat bereits Kontakt mit Steffen Krestin, dem Leiter des Stadtarchivs, aufgenommen. Auch um zu erfahren, was es mit der Verhaftung Ernst Franks, des Schwiegersohns von Max Grünebaum, auf sich hatte. Er wurde kurz inhaftiert, dann freigelassen. Warum?

Prof. Lambrecht: Wie groß die Verwurzelung in der Familiengeschichte ist, zeigt sich auch darin, dass alle Familienmitglieder, mit denen wir regelmäßig Kontakt haben - die Familie ist inzwischen sehr groß, lebt zum Teil in Paris und München - deutsch sprechen. Zum Teil fließend.

Womit beschäftigt sich die Stiftung zwischen den Preisverleihungen?
Jens Gerards: Um die Preise zu finanzieren, braucht die Stiftung nachhaltige Erträge aus dem Stiftungskapital. Wir haben dazu eine risikofreie Anlagestrategie des Stiftungskapitals gewählt. Und bisher war das Kuratorium sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Sowohl das Geld für die Preise als auch für einen würdigen Festakt stand bisher, auch dank lang laufender Anlagen, immer zur Verfügung. Das anhaltend niedrige Zinsniveau macht es uns aber nicht leicht, Anzahl und Dotation der Preise aufrecht zu erhalten. Es gibt andere Stiftungen, die ihren Stiftungszweck inzwischen nicht mehr erfüllen können.

Prof. Lambrecht: Eine Aufgabe, der sich unsere Stiftung auch verpflichtet fühlt, ist die Pflege der Gräber für die Angehörigen der Stifterfamilien auf dem jüdischen Teil des Cottbuser Südfriedhofs.

Mit Prof. Claus Lambrecht und Jens Gerards sprach

Renate Marschall

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Zur Preisverleihung am kommenden Sonntag, 11 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus sind alle Interessierten herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.Die mit je 5000 Euro dotierten Preise ehren das Andenken des Tuchfabrikanten und Cottbuser Ehrenbürgers Max Grünebaum (1851-1925), der ein großzügiger Förderer des Cottbuser Theaters und des Gemeinwohls war.