Mit dem neuen Album "Privates Kino" ging es gleich in die Vollen. Mit "5 Sekunden", "Ganz normale Frauen", den von Eifersuchtsproblemen geplagte "Paul" und "Tage ohne Sex", eine dynamische Hommage an die Rentner dieser Welt, präsentierten Sänger Norbert Leisegang und seine Mannen zu Beginn den Einstieg in die neue Platte. Luftiger Gitarrenrock mit intelligenten Texten, mit einem schönen Hauch von Melancholie, ohne resigniert zu sein – also das, was man von Keimzeit erwarten konnte. Eine Spur härter und rockiger vielleicht als auf den Vorgängeralben, aber dennoch leichtfüßig und entspannt. Was nur unterstreicht, dass die Leisegangs und ihre Kompagnons nicht nur nostalgische Bedeutung haben – auch wenn sie die zur Genüge haben, doch darauf ruhen sie sich nicht aus.

Keimzeit haben sich vielleicht nicht neu erfunden, aber sie haben sich übersetzt ins Hier und Heute. Und wie gesagt: Das schafft nicht jeder. Vor den rund 500 Cottbuser Zuschauern zeigten sich Keimzeit spielfreudig. Wenn Norbert Leisegang gerade nicht sang, bauten Keimzeit wunderbare Klanglandschaften aus Gitarre, Keyboard und Saxofon und schwelgten in Tönen wie in den Farben eines Gemäldes. Extra Applaus bekam Multiinstrumentalist Ralf Benschu für seine Einlagen an Saxofon, Klarinette und Querflöte. Mit einem Ritt durch zweieinhalb Jahrzehnte Keimzeit ging es weiter: "So", "Irrenhaus" und "Breit", das Publikum war textsicher und wippte und wiegte sich im Takt. "Ihr kennt die Texte ja schon besser als ich selber", staunte Norbert Leisegang. Eigentlich kein Wunder. Zeilen wie "Ich bin der Hofnarr in eurem Königreich, ich tanze und singe, ihr lacht vielleicht, ich mach kalte Herzen warm und harte weich" sind nicht nur herzerwärmend, sondern charakterisieren auch ganz gut das, was Keimzeit bewirken – ohne selbst närrisch zu sein oder zu werden, wohlgemerkt.

Und keine Bitterkeit schwingt mit, wenn sich herausstellt, dass die vermeintlichen Diamanten am Meeresgrund nur "Bunte Scherben" waren und dass das Schiff, dass einen in eine hoffnungsvolle Ferne bringen sollte, nun gestrandet auf einem Korallenriff liegt. Und auch wenn, der "See voller Tränen" ist, gibt es keine Rache oder Reue, sondern nur ein trauriges: "Ich wünschte, ich hätte das früher gewusst." Doch man weiß, auch das wird man überleben, mit dieser Musik allemal.

Durch eine Instrumentenpause plauderte sich Norbert Leisegang charmant hindurch, erzählte von Rauschebärten, mit denen man in den Achtzigern die Eltern zur Weißglut brachte, von Reinhard Lakomy im Theater des Westens, outete sich als Nana-Mouskouri-Fan und leitete schließlich fast mühelos ("Ich krieg den Bogen gleich!") zu einem der Höhepunkte des Konzerts über: "Nathalie", im Andenken an den "hochgeladenen Franzosen" Gilbert Becaud, die Liebe in Moskau, der Rote Platz, der Wodka. Und so weiter, gefühlvoll mit "Maggy", beschwingt und jazzig mit "Mama sag mir warum" und zum Schluss noch mit "Kling Klang", den größten Hit ihrer Karriere – "von Feuerland zurück nach Cottbus, ins Glad-House."

Nachdem die neuen Stücke freundlich, aber eher zurückhaltend beklatscht worden waren, war dieses Glad-House nun vollends in der Hand der Keimzeitler. Nach drei Zugaben wurden sie stürmisch beklatscht und Norbert Leisegang zeigte sich auch bei den Abschiedsformeln stilsicher: "Herzlichen Dank für Eure charmante Gesellschaft!"