Für die nächsten Kabarettveranstaltungen an der Neuen Bühne sind Barbara Kuster, Wilfried Schmickler, Chin Meyer und Jürgen Becker aus der Bundesliga der Kabarettisten verpflichtet.

,,Ich bin ein Mensch von früher", behauptet der heutige Berliner Nils Heinrich, der seinen Mansfelder Dialekt mit der Vorliebe für Umlaute zum Thema des 2013 im Rowohlt-Verlag erschienenen gleichnamigen Buches gemacht hat. An dessen Geschichten entlang hangelt er sich mit humorvollen Lesungen und Liedern zur Gitarre durch sein Kabarettprogramm. Aus der Sicht des pickelbehafteten Konditorlehrlings - wir hatten ja kein Clearasil -, der er 1989 war, beschreibt er DDR und Wendezeit, konterkariert das Ganze mit Lebenserfahrungen von sich ,,aus der Mitte des Lebens", der mit Kind, Buch und Haus alles heutige ,,Systemrelevante" im Leben schon erledigt hat.

Nils Heinrichs ätzende Kritik an DDR-Realität und jetzigen Zeiterscheinungen wirkt glaubhaft, weil Selbstironie und eigene Gleichschaltung als Basis für die Gesellschaftskritik des Kabarettisten dienen. Mit Wortwitz und erkennbarem Genuss nimmt er seine Provinzjugend in Sangerhausen aufs Korn und damit verordnete Ideale des Realsozialismus. Ironisch erinnert er sich an die Enge einer ,,verharzten Jugend" mit jährlichem Familienurlaub und Ferienlager im Harz als Bewohner im Vorharz. Die Serie ,,Erotisches zur Nacht" im DDR-Fernsehen öffnet dem unerfahrenen Jüngling die Tür zur ,,Sehnsucht nach dem Schamhaar". Diese Sehnsucht beschäftigt die ,,Kampfreserve der Partei" im Wehrerziehungslager mehr als der Klassenfeind.

Wir waren ,,markenbewusst", schwärmt Heinrich als ,,Mensch von früher" und hat als Beweise seine Mitgliedsausweise der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) mit ,,Betonung auf frei", wie er sarkastisch anmerkt, mitgebracht. ,,Wir wurden ja pausenlos überwacht, kann man sich heute kaum noch vorstellen", wirft Heinrich einen seiner vielen Widerhaken aus. Fröhlich erinnert er dafür an die ,,unoperierten Busen unter den FDJ-Blusen der Mädchen". Unversöhnlich klingen seine Erinnerungen an die DDR, ,,wo Casting noch Musterung hieß", wenn er mit Zitaten die Verfassung der DDR und ihre ,,Freiheit" ad absurdum führt.

Unversöhnlich ist er auch, wenn er den Erfahrungen aus dem Land, das früher ,,Drüben" hieß, jetzige Verwerfungen gegenüberstellt. Postagenturen mit angeschlossener Metzgerei bis zu ,,BWL-Idioten", die während der Bahnfahrt Wirtschaftsspionage unumgänglich machen, nimmt er dabei aufs Korn. Besonders ätzt Kabarettist Nils Heinrich, der über die Berliner Lesebühnenszene zu Soloprogrammen gekommen ist und seit 2013 auf WDR2-Radio mit einer wöchentlichen Glosse politische Ereignisse komisch und bitterböse kommentiert, über eine ,,öffentlichkeitsgeile Welt", in der die geschwätzige Mandy Damaaschke mit ihrem iPhone das Gehirn gegen einen dritten Lungenflügel eingetauscht hat und mit Kopfhörern groß wie Zuckerdosen blind durch die Welt rennt.

Als großartiger Wortjongleur liest und singt sich Heinrich durch ,,Stuttgart 21", Berliner Großflughafen, lässt die Verteidigungsministerin die Armee selbst zur Welt bringen und sorgt sich um eine Lebensmittelindustrie mit dem ,,Besten aus dem Periodensystem der Elemente" in den leckeren Supermarktangeboten. Passend dazu verabschiedet er sich als cooler Rapper mit Laktose-Intoleranz durch die Milka-Terroristen vom Publikum. Nils Heinrich hat inzwischen zum Glück mehr als nur Umlaute, aber weiß immer noch Bescheid.