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| 01:02 Uhr

Nichts muss verkorkst bleiben

Standing Ovations gab es am Dienstagabend im Großen Haus des Staatstheaters bei der Festival-Eröffnung für Oscar-Preisträger István Szabó. Der Ehrenpräsident des Festivals wurde mit der Ehren-Lubina ausgezeichnet. Der Film „Hallesche Kometen“ gab dann den Auftakt für den bis Sonntag dauernden Kinomarathon. Von Peter Blochwitz

István Szabó, der nun die Lubina-Figur neben den Oscar für seinen Film „Mephisto“ stellen kann, dimmte sogleich die Jubelstimmung im Saal herunter, die von Laudatorin Helke Misselwitz angeheizt worden war. Die Professorin an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg (HFF) hatte dem Auditorum eine lange Liebeserklärung an Szabó vorgetragen. „Das Ende eines kreativen Lebens ist, wenn man sich zu ernst nimmt“ , erklärte der Geehrte und sparte sich weitere gesetzte Worte. Sondern erzählte lieber drei Anekdoten und versöhnte das angestrengte Publikum wieder, das schon seit anderthalb Stunden diverse Reden gehört hatte und dem noch eine Filmvorführung bevorstand.
Sicher sind Eröffnungsreden unumgänglich. Aber sie müssen nicht zwangsläufig zur Strapaze werden. Und zur Peinlichkeit sollten sie schon gar nicht geraten. Tschingis Aitmatow ist ein großartiger Schriftsteller, aber eben kein Regisseur, als der er von der Cottbuser Oberbürgermeisterin Karin Rätzel eingestuft wurde. Noch schlimmer: Es ist üblich, von der BrückenFUNKTION zu sprechen, die Cottbus mit diesem Festival ausübt. Die Formulierung „Brücken-KOPF“ jedoch bedeutet das pure Gegenteil.
Zum Kino. „Hallesche Kometen“ ist der Debüt-Spielfilm von HFF-Absolventin Susanne Irina Zacharias. Karl, einst „Held der Arbeit“ ist nun arbeitslos. Er verbarrikadiert sich in seiner Plattenbau-Wohnung in Halle/Saale, ist nicht mehr in der Lage, die Gegenwart zu bewältigen und seit dem Unfalltod seiner Frau völlig aus der Bahn geworfen. Sein 20-jähriger Sohn Ben versucht alles, um den Vater aus der Lethargie zu reißen. Und Ben hat noch Träume. Susanne Irina Zacharias ist eine schonungslose Momentaufnahme ostdeutscher Gegenwart gelungen - nicht verbittert, sondern voller Neugier, mit einem Schuss Humor und in der Hoffnung, das nichts so verkorkst bleiben muss, wie es scheint.
„Hallesche Kometen“ ist eine filmische Auseinandersetzung, wie sie im osteuropäischen Kino in den 90er-Jahren häufiger zu sehen war. Die Generation 2000 nimmt die gesellschaftlichen Brüche immer weniger als Gestaltungsansatz denn als -element. Die Geschichten werden weitergeführt.
So erzählt Larissa Sadilowa in dem heute zu sehenden Wettbewerbsbeitrag „Babysitter gesucht“ natürlich von den „neuen Russen“ , die zu Wohlstand gekommen sind und denen man oft die Nähe zu mafiöse Strukturen unterstellt. Aber in ihrem Film sind dies eben nicht die Klischee-Finsterlinge, und die Babysitterin ist nicht eine bemitleidenswerte, zu kurz gekommene Ex-Sowjetbürgerin. Sondern eine, die durchaus Böses im Schilde führt . . .
Oder der ungarische Spielfilm „Johanna“ von Kornél Mundruczó, der auch heute im Wettbewerb antritt: Nach ihrem Auto-Unfall vollbringt die drogensüchtige und obdachlose Johanna in einem Krankenhaus Wunderheilungen. Und zwar unter Einsatz ihres schönen Körpers. Ist sie Heilige oder Hure„ Nicht nur wegen dieser Frage hat der irreal-realistische Film das Potenzial, Publikum und Jury zu spalten. Es werden alle Dialoge gesungen!
Ganz modern daher kommt Péter Bergendys „Stoppt Mutter Theresa“ , ebenfalls aus Ungarn, ebenfalls heute im Wettbewerb: Kata will nun doch nicht den biederen Maci heiraten, der ist nicht Mr. Right. Aber wer dann“ Der Ex.Liebhaber„ Der attraktive israelische Student“ Der ältere Unternehmer? Auf geht die Suche, und die Vermutung, dass der Regisseur „Ally Mc Beal“ und „Sex and the City“ gesehen hat, ist sicher nicht falsch. Die Männerjagd müsste sicher nicht geschlagene 127 Minuten dauern, ist aber allemal verdaulicher als überlange Film-Festival-Eröffnungs-Zeremonien.