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"Nicht mit einer Ritterrüstung durchs Leben laufen"

"Liebe für immer" heißt das neue Album, das Nino de Angelo in Hoyerswerda vorstellt.
"Liebe für immer" heißt das neue Album, das Nino de Angelo in Hoyerswerda vorstellt. FOTO: German Popp
"Mr. Jenseits von Eden" ist mit gleichnamiger Tour auch in der Lausitz unterwegs. Seit Jahren begeistert der gebürtige Karlsruher mit italienischen Wurzeln sein Publikum mit seiner Musik. Am 23. März kommt Nino de Angelo in die Lausitzhalle Hoyerswerda.

Nino de Angelo, Sie waren ja gerade im Fernsehen, beim Sat1-Duell der Stars zu sehen. Zufrieden mit Ihrem Abschneiden?
Natürlich, ich habe ja letztlich meine Kollegen so motiviert, dass wir mit ein bisschen Glück das Ruder rumgerissen und gewonnen haben, obwohl wir so gut wie chancenlos waren.

Wollen Sie immer gewinnen?
Wenn man spielt, will man gewinnen. Wenn es nur um einen selbst geht, ist es nicht so schlimm, wenn man nicht gewinnt. Aber der Ehrgeiz packt mich schon, wenn es darum geht, auch für andere zu gewinnen.

Wie wichtig ist es Ihnen, auf dem Bildschirm präsent zu sein?
Das ist lebensnotwendig für meinen Job. Die Nachfrage entsteht nur durch Öffentlichkeitsarbeit.

Ist aber nicht eher die Bühne Ihr Metier?
Öffentliche Präsenz ist ja auch eine Bühne. Vernachlässigt man diese Nebenbühne, kommt man nicht auf die Hauptbühne.

Auf diese steigen Sie ja auch schon seit ein paar Jahren. . .
Seit meinem 17. Lebensjahr, nun eigentlich seit meinem 15., da war es aber noch die kleine Bühne, und die wurde dann immer größer. Um also in so großen Hallen wie die Lausitzhalle Hoyerswerda zu singen, muss ich einiges tun. Diesmal habe ich ein neues Album mitgebracht. Und ich hoffe, es kommt gut an.

Ihre Tour nennen Sie "Mr. Jenseits von Eden", nach dem Song, den Ihnen 1983 Drafi Deutscher schrieb. Gibt es überhaupt ein Konzert, bei dem dieser Titel fehlt?
Wenn der Titel fehlte, wäre es genauso, als würde ich selbst fehlen. Der ist bei jedem Konzert dabei und muss dabei sein.

Wie werden wir ihn hören, im Original, gerappt oder gerockt?
Im Original, so wie man ihn kennt und liebt.

Ein Wiedererkennungswert, aber fürchten Sie nicht, darauf reduziert zu werden?
Ich werde gern auf einen Nummer-1-Hit reduziert. Der war ja nicht nur in Deutschland wochenlang ganz oben in den Charts, auch in Frankreich, Italien, in Österreich und in der Schweiz.

Wie viel hat er mit Ihrem eigenen Lebensgefühl zu tun?
Dieser Song soll ja die Menschen daran erinnern, dass Menschlichkeit sehr wichtig ist im Leben. Eine Botschaft, die immer aktuell bleiben wird. Ich versuche nicht zu verhärten, will nicht mit einer Ritterrüstung durchs Leben laufen. Auch wenn ich mit offenem Visier verletzlich bin. Wir sind keine Maschinen, wir sind keine Roboter, die nur auf Leistung programmiert sind. Wir sollten Mensch sein und uns auch um unsere Nächsten kümmern.

Wie tun Sie das?
Ich habe beispielsweise für die Deutsche Krebshilfe sehr viel Geld durch Aktionen zusammengebracht, hatte ich ja selbst mehrmals mit dieser schweren Krankheit zu kämpfen. Erst unlängst war ich bei Frank Zander, um zugunsten von Obdachlosen zu singen. Ich habe Patenkinder in Afrika. . . Man kann viel Gutes tun, muss es aber nicht unbedingt an die große Glocke hängen. Wenn jemand auf der Straße sitzt, gebe ich gern ab. Wenn ein Obdachloser aber eine Kornflasche neben sich stehen hat, bekommt er nichts. Dafür brauche ich mein Geld selber (lacht).

Darauf sollten wir noch einmal zurückkommen. Zeitweilig hatten Sie sich ja von Ihrem Image als Schlagersänger distanziert, wollten es rockiger, gingen mit Peter Maffay und "Tabaluga" auf Tour. Da wollten Sie nur noch De Angelo sein. Was hatten Sie gegen Nino?
Ich wollte einfach nur experimentieren. Wenn man mit 18 von heute auf morgen Nummer 1 ist, berühmt und Superstar in Deutschland, da ist doch viel Glück dabei. Da ist man noch nicht ausgereift, muss auf der Suche bleiben. Mit reichlich Gesangstalent beschenkt, hatte ich die Sehnsucht nach mehr, wollte mich verändern, weiterentwickeln. Ich wollte nicht auf Schlager reduziert werden. Aber ich habe früh gemerkt, dass es sehr schwer ist, aus dem Schlagergenre auszubrechen. In Deutschland herrscht Ordnung: Schlager ist Schlager. Pop ist Pop. Rock ist Rock. Ich aber denke, Musik kennt keine Grenzen. In Amerika kommen Musiker verschiedener Richtungen zusammen und singen "We are the world." In Deutschland wurde man als Schlagersänger von den Kollegen nicht so richtig ernst genommen.

Inzwischen aber sind Sie ein Urgestein, haben mit den Musikern von Michael Jackson und anderen Größen Musik gemacht.
Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich lasse mich nicht mehr irritieren, bin längst wieder Nino de Angelo. Der kann Rock singen, Pop, Swing, Blues, hat die Wahl zwischen vielen Facetten. Mittlerweile mache ich das, was ich gut finde und die Leute an mir mögen. Ich schreibe ja fast alle meine Titel selbst, übrigens auch für Roland Kaiser, auf seinem Gold-Album sind auch zwei Titel von mir drauf und sein Song auf der Single: "Halt' mich noch einmal fest." Drafi Deutscher, dem ich meinen ersten Erfolgshit verdanke, konnte ja auch alle Facetten bedienen. Ich vermisse ihn sehr. Jede Schublade war für ihn zu klein. Ich passe auch in keine.

Was bringen Sie Neues mit nach Hoyerswerda?
Mein neues Album, das ich auch komplett selbst getextet und komponiert habe. Ich freue mich darauf, meine neuen Songs zu singen, aber natürlich dürfen auch die alten nicht fehlen. Zudem kann sich das Publikum auf eine außergewöhnliche Atmosphäre freuen. Es wird ein richtig gemütlicher Abend, so als würde ich alle in mein Wohnzimmer einladen. Ich war schon in Hoyerswerda, bin in den neuen Bundesländern sehr gern und oft. Dieses Publikum ist mit dafür verantwortlich, dass der Schlager wieder lebt. Es zelebriert ihn richtig.

Woher kommt der Schlagerboom, von dem jetzt so viel die Rede ist?
Das hat vor allem mit den Zuschauern zu tun, die Lieder in der eigenen Sprache toll finden. Es gibt so viele deutschsprachige Künstler mittlerweile. Vor zehn Jahren galt es als cool, englisch zu singen. Heute ist es hip geworden, auf Deutsch zu singen. Ich weiß nicht genau, wie es dazu gekommen ist, aber die neuen Bundesländer haben da einen großen Anteil, ganz gewiss, in allen Altersstufen.

Welcher war für Sie der schönste Auftrittsort?
Oh, ich hatte Tausende Auftritte. Aber die meisten Zuschauer waren wohl Silvester 2015/16 am Brandenburger Tor versammelt. Das war gigantisch an so einem historischen Ort.

Und Ihre größte Herausforderung?
1989, als Dieter Bohlen für mich den Titel "Flieger" für den Eurovision Song Contest produzierte. Schon bei dem Gedanken bekomme ich vor Aufregung feuchte Hände. Es gab viele große Auftritte, die mich bewegt haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

1984 brachten Sie den Hit "Atemlos" heraus. Wie ist es für Sie, jetzt "Atemlos" von Helene Fischer zu hören?
Da freue ich mich, dass ich Vorreiter war. Bei ihr kommen ja gleich zwei Titel von mir vor: "Atemlos" und "Schwindelfrei". Helene ist eine außergewöhnlich gute Künstlerin, die beste Schlagersängerin, die wir in Deutschland haben und wohl auch darüber hinaus.

Nino de Angelo, man kennt Sie nicht nur von der Bühne, sondern auch aus dem Big-Brother-Container von Sat.1. 2015 hatten Sie da mit reichlich Alkohol Schlagzeilen gemacht.
Zwei Wochen muss man irgendwie rumkriegen. Ich habe mich gefühlt wie zu Hause: Warum soll ich da nicht was trinken? Vielleicht war es zu viel. Aber das ist mir privat auch schon passiert. Ich habe mich gezeigt, wie ich bin, und habe dadurch viele Freunde und Kritiker gewonnen, falsche Freunde verloren.

Wie halten Sie es heute mit den harten Sachen?
Seit meiner Herzoperation im März 2016 bin ich nicht mehr so leichtfertig. Ich mochte es ja, ab und zu über die Stränge zu schlagen. Jetzt trinke ich nur noch ganz wenig Alkohol. Weil ich ihn nicht vertrage, fit sein will und hoffe, dass mich mein Herz noch eine Weile durch die Gegend trägt. Dafür brauche ich immer gutes Benzin. Und ich halte mich jetzt an die Geschwindigkeitsbegrenzung.

"Liebe für immer" heißt Ihr aktuelles Album, das im Februar erscheint. Verbreiten Sie da nicht eine Illusion?
Für mich gibt es nur Liebe für immer. Das meint ja nicht nur die Liebe zwischen zwei Menschen. Ich möchte nichts tun ohne Liebe und Leidenschaft. Mit Ausnahme der Steuerklärung.

Mit Nino de Angelo

sprach Ida Kretzschmar