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| 01:03 Uhr

Nicht gefällige Abbilder

Ein Aufatmen ermöglichen diese Bilder. Kunst als Entdeckungsreise, Ausdruck des Verborgenen, Ahnung von der immer wieder neu zu findenden Form für Schönheit, Trauer, Wandel, Figur, Charakter, Erschütterung, Eros, Entwicklung. Die BASF-Galerie Schwarzheide präsentiert 80 Zeichnungen und farbige Blätter von Josef Hegenbarth (1884-1962). Von Klaus Trende

Der Dresdener Künstler gehört zu den Maß gebenden Zeichnern und Malern des 20. Jahrhunderts auf dem Kontinent. Sein Werk rangiert glanzvoll im Kanon solcher Namen wie Käthe Kollwitz, Ernst Barlach oder der noblen Phalanx deutscher Expressionisten von „Brücke“ bis „Blauer Reiter“. Alle Arbeiten sind Leihgaben des Kupferstich-Kabinetts der staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt wesentlicher Motivgruppen aus dem Schaffen Hegenbarths von 1919 bis 1962. Alltag, Menschengruppen, Tierstudien, Porträts und literarische Illustration dominieren das künstlerische Sujet. Leichthändig setzt der Zeichner die Linien, sparsam arbeitet er mit Farbnuancen, überzeugend leuchtet hinter der Erscheinung des Sichtbaren das gültige Wesen. Kaum ein Zeichner und Maler nach Hegenbarth vermochte so virtuos zu überhöhen und pointiert Räume menschlicher Charaktere auszuloten. Seine Pinselzeichnungen sind Meisterwerke. Realistisches Spiel, phantasiereicher Witz, Beobachtungsschärfe und Gespür für das Besondere einer Situation zeichnen die Blätter durchweg aus. Sie haben eine lässige Präzision, sind gesättigt vom Wissen um die Sache. Hegenbarths wichtigste ist der Mensch: „Ich liebe die Menschen und zeichne diese, wo immer ich sie finde. . .“
„Alter Mann, vor einem Tisch sitzend“ (Pinsel in Tusche) heißt ein Blatt von 1936. Gelassenheit mischt sich in die Bürde einer Existenz. Keine Charaktermaske, kein Lavieren, dafür Klarheit und Geheimnis zugleich; den Weg vom Fakt zum Artefakt gemeistert. Die geschlossenen Augen, das müde Gesicht, der hagere Körper an die Stuhllehne geschmiegt, der lädierte Hut, die soziale Szenerie nur angedeutet, aber in einer einzigen Haarsträhne das Sinnbild von diesem Dasein gebündelt. Das ist unerhört, das ist unglaublich, das ist unerklärbar, das ist Kunst.
Wie Privates und Gesellschaft ineinander gleiten und zu atmosphärisch dichten Bildern werden, auch dies spricht von Josef Hegenbarths Einmaligkeit. Wo andere entfalten, erzählen und in die „Breite“ malen, da konzentriert und verdichtet er. Es ist die Reinheit des Stils, die aus Naturbeobachtung und wirklichem Ab straktionsvermögen folgt.
Aus dieser Haltung heraus entscheidet sich Hegenbarth auch für die Farbe: nur da, wo es drauf ankommt, an den Springpunkten, wo Situationen definiert, Menschen erkannt oder enträtselt, Phantasien bekräftigt werden. „Zuhörer“ (Pinsel in Leimfarbe, 1948) ist dafür exemplarisch. Fünf Figuren in aufmerksamer Pose. Aber es ist nur die eine, mit schwarzem Haar und geblümtem Kleid, grazil die Hand, andächtig die Augen über den blassblauen Bildgrund gerichtet. Alle andern sind Fragment, erkennbar und in seltsamer Gänze dazugehörig. Kinder, Straßenbahnhaltestellen, Wärmestuben, Badende, Kutscher, Mädchen, Nonnen, Marktplätze und Zirkusabende werden so besichtigt, entzaubert und zugleich in ein neues Wunder verwandelt. In jenes des lebendigen Lebens.
Die Porträts gehören zu den Glanzstücken dieser Ausstellung. Es scheint wie ein Spiel, in dem sich zarte und kräftige Linien bruchlos begegnen. Mit wenigen Strichen oder Tuschflächen werden Tie fenschichten psychologisch erkundet. Es geht nicht um gefällige Abbilder, sondern um die Wahrheit. „Frauenkopf in Hand gestützt“ (Pinsel in Tusche, 1954) und „Alte Frau, Kopf aufgestützt“ (Pinsel in Grau und Schwarz, 1957) erinnern an die altmeisterliche chinesische Tuschmalerei; Reduktionen auf das Einfachste, ohne simpel zu sein. Zeichnen als Prozess von Fühlen, Denken und seelischer Bewegung. Das Handwerk sei dem Genie angeboren.
(Ausstellung bis 6. März 2005, geöffnet täglich von 12 - 18 Uhr. Katalog 2,50 Euro)