Wer sich zeitig genug um Karten bemüht hat, sitzt an Bartischen mitten im Kit Kat Klub, dem heißesten Laden der Stadt. Für dieses irre Goldene-Zwanziger-Gefühl hat die Neue Bühne Senftenberg extra umgebaut, die ersten drei Sitzreihen im Saal entfernt und den Orchestergraben heruntergefahren. Spätestens als Conférencier Leon Haller mit seiner schmeichelnden Chanson-Stimme und unwiderstehlichem Augenaufschlag lockt: „Willkommen! Bienvenue! Welcome! Im cabaret, au cabaret, to cabaret!“ tauchen auch die Zuschauer in den Reihen ein in das magische Berlin Ende der 1920er-Jahre, deren Glanz immer mehr braune Flecken bekommt.
Am Sonnabend feierte das gleichnamige Musical von Joe Masteroff (Buch), Fred Ebb (Gesangstexte) & John Kander (Musik) an der Neuen Bühne Senftenberg Premiere. Die Messlatte ist hoch: 1966 am New Yorker Broadway uraufgeführt und mit acht Tony Awards bedacht, wurde es in unseren Breiten vor allem in der oscarreifen Verfilmung mit Liza Minnelli Kult. Und auch in Cottbus und in Berlin bebten die Bühnen im Cabaret-Fieber. Nach fast zwei Jahrzehnten ist es nun das erste Musical auf der Hauptbühne in Senftenberg.

Daniel Ris hat selbst oft als Schauspieler den Bobby gegeben

Nicht zufällig ist es auch die erste Regiearbeit des seit einem halben Jahr amtierenden Intendanten Daniel Ris in der Lausitz. Schon aus seiner Festspielzeit im rheinland-pfälzischen Mayen ging ihm der Ruf voraus, eine besondere Vorliebe für dieses Genre zu haben. Viele Male hat er selbst als Schauspieler in „Cabaret“ als Bobby auf der Bühne gestanden. Und so versprach er im Mai 2021 im Interview den Lausitzern ein „qualitativ hochwertiges“ Musical-Angebot.
Für den prall gefüllten Premieren-Auftakt hat Ris einiges aufgeboten. Als musikalischen Leiter gewann er den amerikanischen Pianisten und Komponisten Marty Jabara. Dieser wurde schon von Stars wie Madonna, Elton John oder Clint Eastwood engagiert. Im Vorfeld gab es einige Aufregung, hatte er doch anfangs an eine Damenkapelle aus Berlin gedacht. Nun heizt eine sechsköpfige Herrenriege die Stimmung an.

Neuzugang Cassandra Emilienne gibt die Sally

Ein Orchester, live auf der Bühne – das gab es lange nicht mehr in Senftenberg. Die Kit Kat Klub Band macht ihre Sache mit Pauken und Trompeten, an Keyboards, Posaune, Cello, Kontrabass, Gitarre, Saxofon und Geige und sogar an der singenden Säge fantastisch gut. Der richtige Soundtrack für die ausgebildete Musicaldarstellerin Cassandra Emilienne, die seit dieser Spielzeit zum Senftenberger Ensemble gehört. Sie kann als Sally Bowles gleichermaßen ihre Leidenschaft für Gesang, Schauspiel und Tanz ausleben. Dieser Sally fällt es nicht schwer, den nach Romanideen suchenden Schriftsteller Clifford Bradshaw (gespielt von Robert Eder in bröckelnder Schüchternheit) zu verführen. Was dem Lebemann Ernst Ludwig (Tom Bartels zeigt überzeugend seinen Weg zum Nazi) nicht gelingt.
Traumpaar: Cassandra Emilienne mit Robert Eder in "Cabaret"
Traumpaar: Cassandra Emilienne mit Robert Eder in "Cabaret"
© Foto: Cassandra Emilienne, Robert Eder
Welche Wahl hat man noch in diesen immer dunkler werdenden Zeiten? Für Sally bleibt das Leben ein Cabaret. Und da gibt es noch eine zweite große Liebesbeziehung. Im aufkommenden Faschismus hofft sie vergeblich auf Massel (Glück). Zimmervermieterin Fräulein Schneider (Christina Dom, neu im Ensemble) und der jüdische Ladenbesitzer Herr Schultz (Daniel Borgwardt) offenbaren sie in all ihrer Sehnsucht und Zerbrechlichkeit. Fräulein Kost, die alles andere als eine Kostverächterin ist, wie Marianne Helene Jordan mit laszivem Spiel im Matrosenbunde (Andy Kubiak) auskostet, trifft indes mit ihrem unheildrohenden Vaterlandsgesang ins Mark.

Eine Girlsreihe mit den Kit Kat Girls

Und so entsteht eine überaus unterhaltsame, berührende, berauschende, zunehmend auch beklemmende Atmosphäre. Auf dem schmalen Grat zwischen ausschweifender Komödie und Drama hält Showmaster Leon Haller einfach genial die Fäden zusammen und läuft mit seinem zwielichtigen, schillernden, dämonischen Spiel und Gesang zu Hochform auf. Gemeinsam mit den androgynen Kit Kat Girls legen sie sogar eine (im)perfekte Girlsreihe aufs Parkett.
Die Girlsreihe der Kit Kat Girls mit Cassandra Emlienne als Sally in der Mitte
Die Girlsreihe der Kit Kat Girls mit Cassandra Emlienne als Sally in der Mitte
© Foto: Steffen Rasche
Natürlich wird das Musical auch durch die großartige Musik, tolle Choreografien und die berühmten Songs getragen. Das ganze Ensemble mit Gästeverstärkung nutzt ausgiebig die Gelegenheit, seine Lust am Spiel, aber auch sängerisches und tänzerisches Talent unter Beweis zu stellen. Choreograf Jan Nicolas bringt es richtig auf Trab und sorgt sogar für tolle Charleston-Einlagen. Die Nummerngirls (Julian Bender, Lukas Baeskow, Sarah Steinemer und Janneke Thomassen), alles sehr eigenwillige Charaktere, erweisen sich dabei nicht nur als Augenweide, sondern auch in Gesang und Tanz als wahrer Glücksgriff.

Willkommen in der Lasterhöhle

Steven Koop hat die Bühne mit wenigen Mitteln in eine Lasterhöhle verwandelt. Die Kostüme von Gabriele Kortmann, Pelze, Korsagen, Netzstrümpfe, Strapse und Federn, Hüte, freizügige Unterwäsche,mit unzähligen witzigen Details tun ihr Übriges, um das überschwängliche Gefühl der Freiheit im trunkenen Taumel der Zwanzigerjahre herbeizuzaubern, das allerdings mehr und mehr bedroht ist.
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„Maybe this time“, wenigstens für den Moment glücklich sein, das genießen die Zuschauer gemeinsam mit den Schauspielern an diesem Ort für Sehnsüchte aller Art. Wo man die Utopie der erotischen und politischen Freiheit für einen Augenblick leben kann. Bis ein Stein vom Himmel fällt. Nach all dem Amüsement ist die Katastrophe in einem gänsehauttauglichen Schlussbild förmlich zu riechen.
Wann hat man zuletzt in der Lausitz so ausdauernde Standing Ovations erlebt? Die Zuschauer jubeln und rufen die Schauspieler immer wieder zurück auf die Bühne. Und diese werfen ihre Rosen zurück in den Publikumssaal. Daniel Ris hat in Senftenberg einen famosen Einstand als Regisseur gegeben. Lustvolles, unterhaltsames Theater von politischer Relevanz, das die Menschen berührt – was will man mehr?

Wo es Karten gibt

Nur zehnmal zeigt die Neue Bühne Senftenberg das Musical. Karten für die nächsten Spieltermine (28.01.2023 - 19:30 / 29.01.2023 - 15:00 / 10.02.2023 - 19:30 / 11.02.2023 - 19:30 / 24.02.2023 - 18:00 / 25.02.2023 - 19:30 / 26.02.2023 - 19:00 / 10.03.2023 – 19.30 / 11.03.2023 – 19.30 Uhr) gibt es an der Theaterkasse, unter Telefon: 03573 801286, via karten@theater-senftenberg.de, online unter theatersenftenberg.de oder an allen Vorverkaufsstellen der Neuen Bühne Senftenberg.