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| 14:33 Uhr

Premiere
Intensiver „Dreck“-Monolog in Finsterwalde

In einem großen Monolog erzählt Saad Saad (Michael Zehentner) von sich und dem Land.
In einem großen Monolog erzählt Saad Saad (Michael Zehentner) von sich und dem Land. FOTO: Steffen Rasche / Rasche FOTOGRAFIE
Finsterwalde/Senftenberg. Die Neue Bühne Senftenberg geht wieder ins Klassenzimmer. Sängerstadt-Gymnasiasten sind die Premierengäste. Von Jürgen Weser

Erfolgreich realisiert die Senftenberger Neue Bühne seit einigen Jahren das Konzept der Klassenzimmerstücke. Inszeniert werden sie für die Aufführungen in den Klassenzimmern der Schulen. Das Konzept hat sich bewährt. Am Donnerstag gab es die Premiere des preisgekrönten Stückes „Dreck“ von Robert Schneider in der Inszenierung von Katja Stoppa im Klassenzimmer. Mädchen und Jungen einer achten Klasse am Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium waren die Premierenzuschauer.

Der Monolog des Autors vom international erfolgreichen Roman „Schlafes Bruder“, gespielt von Michael Zehentner, ist die erste Regiearbeit von Chefdramaturgin Katja Stoppa am Senftenberger Theater. Das Stück um den 30-jährigen Saad, der aus dem Nahen Osten kommt, löst die erfolgreiche Klassenzimmerproduktion „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ von Jan Teller nach 106 Vorstellungen ab.

Die Senftenberger Theaterleute hoffen auf einen ähnlichen Erfolg mit der berührenden Geschichte von den Erfahrungen eines Kriegsflüchtlings aus dem Irak in Europa, in Deutschland, in Brandenburg.

Er kommt hektisch angestürmt, schaut ängstlich zurück und flüstert immer wieder seinen Namen. „Saad, ich heiße Saad“ und schaut dann wieder gehetzt um sich. Er will nicht entdeckt werden. Er lebt illegal in Deutschland. Von der ersten Minute an zieht Michael Zehentner mit seinem intensiven Spiel die Achtklässler in die Geschichte.

Angespannt und aufmerksam folgen sie dem Monolog. Hoffnung bedeutet Saad auf Arabisch und traurig im Englischen. Zwischen diesen beiden Polen lotet Zehentner die Gefühle, Gedanken, Ängste und Wünsche des 30-jährigen Flüchtlings aus, der es zu Fuß und in einem beängstigend überfüllten Boot bis nach Europa und dann weiter nach Deutschland geschafft hat.

Mit Saad erleben die jungen Zuschauer seine gebrochene Liebe zum Heimatland und die unerfüllte Liebessehnsucht zu Deutschland. „Ich habe kein Recht, hier zu leben“, spielt er die Situation des Illegalen, der aus Furch vor Abschiebung seinen Familiennamen nicht verrät, der sich nicht auf eine der schönen Parkbänke zu setzen getraut, der nicht mehr in die Heimat schreibt, um die Familie und sich nicht zu gefährden. Mit wenigen Gesten, mit mimischem Spiel und dem Einsatz der Sprache zwischen Angst, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit und dann wieder Hoffnung und Zuversicht lässt Michael Zehentner die jungen Zuschauer in die Gedankenwelt Saads eintauchen und Fremdheit wie Verachtung nachvollziehen, die er hier erlebt: „Das Schimpfwort, die Eisenstange, das Messer treffen mich“, beklagt er provokant. „Ich bin nur ein Stück Scheiße, Dreck!“.

Der Perspektivenwechsel, Regisseurin Katja Stoppa lässt Zehentner kurz in die Rolle des Verteidigers eines „reinen Deutschland“ schlüpfen, macht die ausweglose Situation für Saad noch deutlicher.

Dabei war er glücklich, als er ankam, er hat sich auf Deutschland gefreut, liebt es, liebt die deutsche Sprache und Literatur. Er glaubt nicht an Gott und nicht an Allah und er isst Schweinefleisch. „Aber ihr hasst uns“, ist die schmerzhafte Erfahrung, an der sich Zuschauer auch reiben können.

Das Stück löst bei den 14-Jährigen Nachdenken, Betroffenheit  und Mitgefühl aus, macht das Gespräch mit Theaterpädagogin Theresa Gerth und Darsteller Michael Zehentner klar. Nicht alle vermögen gleich im Anschluss an das szenische Spiel ihre Eindrücke in Worte zu fassen. Das Gesehene und Gehörte will verarbeitet werden. Es trifft die gegenwärtige Gedankenwelt über Flüchtlinge in Deutschland und fordert pro und kontra heraus.

Vier weitere Aufführungen gibt es am Sängerstadtgymnasium, dann geht die Neue Bühne mit dem Stück in Klassenzimmer nach Großrä­schen, Senftenberg, Lauchhammer und Lübben.

Spielanfragen können gerichtet werden an Franziska Golk theaterpädagogik@theater-senftenberg.de oder Telefon: 03573 801275