Von Rita Seyfert
und Kathleen Weser

Theodor Fontane, der Reisende und Schriftsteller, macht den tristen Senftenberger Bahnhof zum Spektakel-Ort. Spannende Reisen, gutes Essen und auch schöne Frauen hat der bedeutendste deutsche Literat des poetischen Realismus geliebt. Die Lausitzer tun das offensichtich auch. Sie sind zur Spektakel-Premiere am Wochenende begeistert dabei, seine nun hier auch künstlerisch fassbare Welt objektiv zu betrachten.

Mit  „Fontane am Zug“ ist dem Theater Neue Bühne Senftenberg am ungewöhnlichen Ort mehr als eine unterhaltsame und auch logistische Meisterleistung geglückt. Das seit Jahren weitgehend dem Verfall ausgelieferte Bahnhofsumfeld und den leer stehenden Bahnhof Senftenberg – wenigstens temporär – zur Flaniermeile zu beleben, darf ebenso als Meisterleistung bezeichnet werden.

Der Durchgangsbahnhof an der Bahnstrecke Großenhain – Cottbus, durch die die Anbindung der Lausitz an den sächsischen Wirtschaftsraum Dresden und über Lübbenau an das Ballungszentrum Berlin überhaupt erst erfolgte, ist ein Schandfleck am heutigen Eingangstor ins Lausitzer Seenland. Mitnichten aber mit Fontane. Das Senftenberger Ensemble macht mit diesem Spektakel auch wieder das, was das kleine Theater einst groß gemacht hat im Osten: den Finger in die Wunde legen, Gesellschaftskritik unterhaltsam und mit dem richtigen Schuss Humor auf den Punkt bringen. Den Blick in den literarischen Spiegel Preußens zu wagen, bietet sich im 200. Geburtsjahr des Schriftstellers, Journalisten und Theaterkritikers freilich an. Der Ort indes ist schon sehr ungewöhnlich – und deshalb passend spektakulär.

Am Ausgabebahnhof in der ehemaligen Gemüsehalle erhalten die Theaterbesucher ihre Fahrtickets mit den Reisestationen. Das „weite Feld“, auf dem die Schauspieler der Neuen Bühne das Leben und literarische Lebenswerk Fontanes sehr unterhaltsam darstellen, kommt dabei erstaunlicherweise ganz ohne den klassischen Auftritt der verbrieften Protagonistin aus: Die Wendung geht zurück auf Effi Briest, die natürlich anwesend ist. Fontane selbst war mit dem Roman (1896) zum Geburtshelfer des deutschen Gesellschaftsromans geworden. Thomas Manns „Buddenbrooks“ erlangten einige Jahre später Weltruhm. Der Familienname der Buddenbrooks soll Experten zufolge mit großer Wahrscheinlichkeit auf Effi Briest zurückgehen.

In den aufgemöbelten Räumen der Mitropa ist der „Weiße Hirsch“ eingerichtet. Hier inszeniert die Neue Bühne das Spektakel rund um den Genussmenschen Theodor Fontane, der Rezeptebücher geschrieben und Cognac-Kaffee geliebt hat. Lübbenau hat er in einem Artikel als das „Vaterland der sauren Gurke“ beschrieben. Und in der märkischen Küche erinnerte er an Meerrettich, Morcheln und Sellerie. Auch in Senftenberg ist Fontane damit ein Genuss.

Im „Tunnel“ des Bahnhofes erwacht der Verstorbene in der Zwischenwelt und blickt gemeinsam mit seinem Freund und Kritiker Theodor Storm auf sein Werk zurück. Und am „Strand der Emilie“ geht es um Theodors Frauen.

Die Trilogie, die Folge von drei eigenständig inszenierten und thematisch bravourös verbundenen Fontane-Specials, ist jeweils in Kurzstücken von ewa 20 Minuten zu erleben. Der Wechsel der Theater-Flaneure auf das „weite Feld“ und von diesem in die Welten des Fontane ist zeitlich perfekt abgestimmt. So funktioniert das Theater-Spektakel auch logistisch exzellent. Und das ist nicht zwingend zu erwarten gewesen nach der kürzesten Probenzeit aller Zeiten: Nur zwei Wochen liegen zwischen dem Ende der großen Sommerpause und dem Beginn der neuen Theatersaison. Im fünften Stück „Souvenir 1870“ wird zu fortgeschrittener Stunde die Geschichte vom inhaftierten Kriegsberichterstatter erzählt. Was Fontane auf der französischen Atlantikinsel Oléron über die Gewinnung von Austern, Salz und die Beerdigung von Typhus-Toten erfahren und geschrieben haben könnte, erzählt das Bildtheater auf einer 160-Quadratmeter großen Autowaggon-Bühne mit authentischen Requisiten.

Denn zur Eröffnung der 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereins ist auch der blaue Zug auf die Senftenberger Gleise gerollt. Innerhalb des Neue-Bühne-Spektakels „Fontane am Zug“ inszeniert das Eisenbahn-Theaterprojekt „Das letzte Kleinod“ das Stück „Souvenir 1870“. Regisseur Jens-Erwin Siemssen (55) bringt dafür etwa 50 Austernkörbe, mehrere Säcke Pinienzapfen und einen Leiterwagen von seinen Vor-Ort-Recherchen mit. Das bemerkenswerte freie Theater überfordert die Premiere-Besucher in Senftenberg allerdings etwas.