Es folgten die Uraufführung des argentinisch-französisch angehauchten Doppelkonzerts für Akkordeon und Gitarre "Les Yeux dans le Paysage" (Die Augen in der Landschaft) von Tobias Morgenstern und die 3. Sinfonie von Brahms. Am Pult stand der Gast Johannes Fritzsch.
Diesem interessant gemischten, sommerlich leichten Programm werde ich den Abend gern widmen, sagte ich mir - und erlitt einen schweren Irrtum. Uninspirierter und langweiliger habe ich das Cottbuser Philharmonische Orchester lange nicht musizieren gehört.
Im mexikanischen Tanzsalon klang es statt nach Anarchie und Hitze wie in einem niedersächsischen Kindertheater beim Weihnachtsmärchen. Nach der Einleitung, einem viel versprechenden Trompetensignal im schönsten Big band-Sound, war das Spannendste vorüber. Die Streicher hörte man innerlich gähnen, ihnen war nicht ein Minimum von Swing abverlangt. Krachende Pauken- und Blechbläserakkorde waren auf Schlag ausgezählt, statt genau um jene Winzigkeit verzögert, die die unterirdische Spannung des noch gezügelten Temperaments anheizen soll. Wo die von Copland verarbeitete Tanzmusik sentimental wird, hat Fritzsch sie ins Brave geläutert, statt die genau abgemessene Portion Schmalz noch hinzu zu geben und die Musik damit zu sich selbst zu führen. Schade um die schönen Orchester-Soli, wie man sie nicht nur von der Trompete und der in höchster Sopranlage quietschenden Klarinette hörte.
So sah man der Uraufführung des Doppelkonzerts von Tobias Morgenstern misstrauisch entgegen. Und tatsächlich kam nicht viel mehr als eine nette, freundliche Musik "for dreaming and relaxing". Die versprochene Musik zum Genießen hätte eine energischer gestaltende dirigentische Hand erfordert.
Statt "eine Landschaft mit ihren Farben, Tönen und Lichtstimmungen" oder "die Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge" zu assoziieren, dachte ich an ein kältebeschlagenes Glas Weißweinschorle, kredenzt im Branitzer Park - immerhin auch ein schönes, vergängliches Ding. Der Komponist und Akkordeon-Virtuose Tobias Morgenstern, dessen musikalische Heimat die wunderbare Band "L'art de Passage" ist, traut seinen Hörern gewöhnlich etwas mehr zu. Das zweite Thema des 2. Satzes "Phantasie", in dem Blechfanfaren und Pauken wie ein Gewitter in die von Streichertremolo begleitete, entspannt tropfende Melodie der Soloinstrumente hineinfahren, ließ immerhin aufhorchen.
Zum Schluss des Abends Brahms: konturlos, kontrastarm, lasch. Johannes Fritzsch scheute Atempausen, Akzente, Vorhalte und sonstige spannungsgebende Momente. Gerade bei einem Komponisten wie Brahms, der das Bilderverbot der absoluten Musik respektierte wie kein anderer, sollte bildhaftes Musizieren den Blick in die Räume seiner Tongebilde öffnen.
Aber keine Gänsehaut an den unnachahmlich intensiven Cello-Stellen dieser Sinfonie, kein melancholiegetränktes Entschweben mit der Einleitung des 3. Satzes, kein energisches Aufrichten im Finalsatz. Einzig die allerletzten Takte mit ihrer schönen Ruhe gelangen - viel zu wenig für einen solchen Sommerabend.