Ihren Koloss aus Weidengeflecht hat Hester Pilz mit dem Autoanhänger aus den Niederlanden in den Spreewald gefahren. Jetzt steht das Ungetüm - zwei Meter hoch, drei Meter breit, 400 Kilo schwer - in Lübbenau direkt vor dem Rathaus und ist die Hauptattraktion des Spreewaldateliers. Während Hester Pilz mit ihrem Assistenten noch tausend Kilo Lehm auf das Weidenskelett schmiert, bleiben die Leute stehen, staunen und rätseln. Was soll diese Figur darstellen? Einen gebückten Läufer beim Start, einen Elefanten, einen Gurkenpflücker?

Die Künstlerin tippt mit schlammigen Fingern auf ihrem iPad herum, zeigt, wie das Kunstwerk "Urgrund im Wasser" im Ergebnis aussehen soll, will sich aber auf Vereindeutigungen nicht festlegen. Ihr gehe es um die Verbindung von Erde und Wasser, um Natürlichkeit, Kraft und Monumentalität. Wegen des vielen Lehms müssen manche Passanten an die Verockerung der Spree denken, und so lernt die 53-Jährige beim Gespräch über Kunst auch einige der Probleme hier vor Ort kennen.

17 international tätige Bildhauer und neun Karikaturisten, also Zeichner, sind seit dem Wochenende im Herzen der Lübbenauer Altstadt öffentlich an der Arbeit. Etliche Bildhauer sind mit Motorsägen an ganzen Baumstämmen zugange. Daher fühlt sich das Spreewaldatelier im Moment eher wie eine Baustelle als wie eine feingeistige Kunstkreationsstätte an. Es dröhnt von allen Seiten, und Sägespäne fliegen in die Augen.

Allerdings schneiden manche Künstler mit dem schweren Werkzeug erstaunlich filigrane Formen. Die ästhetischen Vorstellungen der Teilnehmer aus Deutschland und dem Gastland Niederlande sind recht ähnlich. Man stellt das Holz als Naturmaterial heraus, zeigt seine Maserungen, Astlöcher, schroffe Rinde und glattes Fleisch. Die Darstellungsweise ist gemäßigt modern, abstrakte Formen gemischt mit erkennbaren Figuren: Menschen, Tiere, Fabelwesen. Sperrige Weiterentwicklungen der Kunst, bei denen der Betrachter womöglich erst einmal einige Theoriekonzepte oder Kuratorentexte gelesen haben muss, um zu verstehen, was er eigentlich vor sich hat, gibt es hier nicht zu sehen.

Die Kunst, die alle zwei Jahre in diesem Freiluftatelier entsteht, ist ohne intellektuelle Barrieren zugänglich, und das macht bei einer Veranstaltung, die sich an ein mehr oder weniger zufälliges Laufpublikum aus Einheimischen und Spreewaldtouristen richtet, auch Sinn. Handwerklich Eindrucksvolles mischt sich mit Niedlichem, Humorvollem und Erotischem. Silvio Ukat aus Glauchau hat seiner lebensgroßen Holzfrau einen roten BH aufgemalt. Der Spreewälder Dietrich Lusici krönt die busenförmigen Wölbungen seiner Skulptur als neckische Hingucker mit rosa Punkten. Später geht er mit Blau darüber. Der Amsterdamer Ulric Roldanus will seine gesägten und gehobelten Pinguine aus Obst- und Nussholz rosarot anstreichen und auf Mofaräder montieren.

Am morgigen Samstag, ab 13.30 Uhr, werden die Werke, die unter dem Thema "Tanz ums Wasser" im Spreewaldatelier entstehen, vor Ort präsentiert, ab 15 Uhr versteigert. Die Einstiegsgebote sind ebenfalls volksnah, sie liegen oft im zwei- und dreistelligen Bereich. "Ich hoffe, meine Skulptur wird verkauft. Ich kann sie unmöglich wieder nach Hause mitnehmen", sagt Hester Pilz lachend über ihr tonnenschweres Weidenast-Lehm-Objekt. 500 Euro nennt die Niederländerin spontan als Startpreis.

Während die Kettensägenkünstler bei ihrer Arbeit schwitzen, mummelt sich die Mannheimerin Petra Kaster an einem Biertisch in eine Wolldecke und führt den Kreidestift in klammen Fingern. Freiluftzeichnen im Frühherbst ist eine frostige Arbeit. Vielleicht genau die passende Atmosphäre, um sarkastische Karikaturen aufs Papier zu bringen. Petra Kasters Spreewaldgurken, die vor einem Einmachglas - dem "Familienmausoleum" - stehen, ist jedenfalls auch sehr frostig zumute. Die Arbeit vor herumwuselndem und fragendem Publikum und Kollegen findet die 61-jährige Karikaturistin "gewöhnungsbedürftig". Aber der Austausch sei produktiv: "Rustikal, arbeitsintensiv, witzig."