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| 13:38 Uhr

Interview mit Nena
„Auch Zorn darf Leichtigkeit behalten“

Die Sängerin Nena ist auf Jubiläumstour.
Die Sängerin Nena ist auf Jubiläumstour. FOTO: dpa / Christoph Schmidt
Dresden. Eine der erfolgreichsten deutschen Musikerinnen begeht ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum – heute in Dresden.

Heute Abend ist Nena während ihrer Jubiläumstour auf der Dresdner Freilichtbühne Großer Garten in der Karcher Allee zu erleben. Die RUNDSCHAU sprach mit der Sängerin über Luftballons und Grenzerfahrungen.

Vor 40 Jahren standen Sie zum ersten Mal auf der Bühne. War Ihnen früh klar, dass Sie mal Musikerin werden?

Nena Dass ich Sängerin oder Tänzerin werden wollte, wusste ich schon mit fünf oder sechs. Das war aber kein Karriereplan oder so, eher für mich eine ausgemachte Sache.

Sie haben früh begonnen mit dem Musikmachen?

Nena Ja. Ich wollte immer Instrumente spielen, also habe ich von meinen Eltern das gewünschte Akkordeon bekommen, das ich immer noch habe und manchmal auf der Bühne spiele. Später lag meine erste eigene Gitarre unterm Weihnachtsbaum. Ich bekam sogar ein Jahr Klavierunterricht, zu dem ich aber nicht hingegangen bin (lacht).

Nach einigen Vorprojekten erschien 1982 die Nena-Band auf der Bildfläche. Mit „99 Luftballons“ landeten Sie einen Welthit, der auch in der DDR sehr beliebt war. War Ihnen das bewusst?

Nena Ich hatte Verwandte in Leipzig und fuhr als Kind ein paar Mal durch die DDR. Fünf Stunden warten an der Grenze, durchsucht werden.... Ich habe überhaupt nicht geschnallt, was da abging. Vom Herzen her hatte ich zwar eine Verbindung nach drüben, ansonsten war mir das aber alles megasuspekt. Obwohl ich ja später sogar in Westberlin lebte. Und als wir richtigen Erfolg hatten, wurden wir auch zu Konzerten in die DDR eingeladen. Wir waren uns aber sehr unsicher, weil unsere Shows, so sagte man es uns, vor einem reinen FDJ-Publikum stattfinden sollten.

In der Jugendorganisation war aber fast jeder DDR-Jugendliche.

Nena Mag sein, trotzdem war es eben eine Art von Exklusivität, die uns äußerst suspekt vorkam. Natürlich wollten wir die Luftballons über die Mauer bringen! Zu den Leuten, die uns damals wäschekörbeweise geschrieben haben. Auf der anderen Seite wollten wir uns aber nicht vor einen politischen Karren spannen lassen ... Aus heutiger Sicht finde ich es schade, dass wir es nicht gemacht haben.

„99 Luftballons“ war kein explizit politisches Lied, wurde aber mit seinem simplen Unverständnis für die absurde Ost-West-Konfrontation von den jungen Menschen in der DDR sehr wohl so verstanden. Entspricht das bis heute Ihrer Art, politisch zu sein?

Nena Ja, absolut. Ich zucke beim Begriff politisches Engagement immer zusammen. Was heißt das eigentlich, politisch engagiert zu sein? Ich bin keiner Partei angehörig, das war nie mein Ding. Aber jeder Mensch kann in seinem Leben etwas gestalten. Alles, was man ins Leben ruft und was zum Fortschreiten der Gesellschaft beiträgt, ist für mich hoch politisch.

Sehnen Sie sich nach der Zeit zurück, in der die politische Relevanz von Rock- und Popmusik größer war als heute?

Nena Es stimmt, die Musik hatte vor allem in den Sechzigern eine krasse Bedeutung. Ich war damals noch ein Kind, habe aber gespürt, was da abging. Wie Bands mit ihren Songs Bewusstseinshorizonte knackten und den Weg freimachten für neue Ideen. Und wie sich die Älteren nicht mehr über die jungen Langhaarigen einkriegten, weil sie nicht wussten, wie sie die Kontrolle behalten konnten. Was ich bei den Beatles, Stones, Pink Floyd oder Neil Young, mit deren Musik ich aufwuchs, besonders cool finde: dass die beides hatten, eine Aussage und eine krasse Leichtigkeit. Ich glaube nämlich nicht, dass man die Menschen mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht. Auch Zorn darf eine Leichtigkeit behalten. Auch ein Song über die Rebellion darf unterhalten, das widerspricht sich für mich nicht. Ein Mensch, der zornig durchs Leben geht, darf sich doch trotzdem gut fühlen. Er darf wütend aufs System sein, er darf rebellieren und laut seine Meinung sagen. Aber dieser Mensch könnte diese Energie für Projekte einbringen, um sein zorniges Gefühl in etwas Schönes und Nachhaltiges umzuwandeln.

Mit Nena sprach Gunnar Leue