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Naturalien für jeden Abstecher

In diesen Tagen schaut sich Ilse Domann gern Fotos aus ihrer Zeit als Tanzelevin an.
In diesen Tagen schaut sich Ilse Domann gern Fotos aus ihrer Zeit als Tanzelevin an. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Mit einem Festakt begeht die Neue Bühne Senftenberg heute ihren 70. Geburtstag, der über den Tag hinaus den Spielplan des Theaterjahres prägt. Bei der ersten Premiere, der Operette "Das Land des Lächelns" von Franz Lehar am 27. Oktober 1946, waren Helmut Stoy und Ilse Domann bereits dabei. Heidrun Seidel / hsd1

Ilse Domann freut sich auf den kommenden Sonntagnachmittag. Nach 65 Jahren wird sie einen alten Kollegen wiedersehen. Die 86-jährige Senftenbergerin hat sich eine Karte für das Konzert des Leipziger Lineus-Ensembles in der Neuen Bühne gekauft. Einer der vier Musiker ist Helmut Stoy. Der ist wie sie vor 70 Jahren einer der ersten Mitarbeiter des Stadttheaters Senftenberg geworden und kommt zum Geburtstagsständchen aus Leipzig hierher zurück.

Das Senftenberger Wunder

"Ich war erst 16 Jahre alt, als ich als Tanzelevin im Theater begann", erinnert sich Ilse Domann. Damals hatte sie zwar gerade eine Schneiderlehre begonnen, doch die Verlockung, das Tanzen zum Beruf machen zu können, war stärker. So bewarb sie sich am Theater, das gerade erst entstehen sollte: Nur ein Jahr nach dem noch überall spür- und sichtbaren Krieg, so berichten die Geschichtsschreiber begeistert vom "Senftenberger Wunder", hatte der Kreiskommandant der Roten Armee, Gardeoberst Iwan Demjanowitsch Soldatow, die gerade eingesetzten Lokalpolitiker und Theaterenthusiasten bei diesem Vorhaben unterstützt. Und so verwandelten sich innerhalb eines guten Monats Turnhalle und Aula der Schule in der Rathenaustraße trotz Mangels an Baumaterialien durch die Mithilfe vieler Handwerksbetriebe zu einer Spielstätte. "Das deutsche Volk war immer eine Kulturnation, es soll wieder eine Kulturnation werden", soll der bis heute in Senftenberg verehrte Soldatow zur Eröffnung am 21. Oktober 1946 gesagt haben.

Ihn hatte Helmut Stoy schon ein halbes Jahr früher kennengelernt. Der junge Mann, der aus dem naheliegenden Schipkau stammt, hat sich nach abenteuerlicher Flucht aus französischer Kriegsgefangenschaft auf dem Arbeitsamt in Senftenberg gemeldet, um eine Anstellung als Musiker zu finden. Glücklich, mit einer roten Arbeitsbescheinigung beim Arbeitsamt eine Legitimation, "wer ich überhaupt bin", in den Händen zu halten, wollte er den Weg nach Hause abkürzen. So durchquerte der 19-Jährige das Terrain der sowjetischen Kommandantur - und wurde festgenommen. Doch als er dem Kommandanten vorgeführt wurde und sagte, dass er Musiker sei, ließ der ihn ziehen. "Er hätte mich auch nach Sibirien schicken können. So aber konnte meine Musikerkarriere anfangen."

Wie für Ilse Domann, damals Belke, begann auch für ihn im Herbst ein neues Leben. Während die Tanzelevin im ersten Jahr mit 100 Reichsmark brutto - wovon 65 für die Tanzschule zu zahlen waren -, auskommen musste, hatte der ausgebildete Geiger immerhin schon 250 RM als erstes Gehalt. "Für jeden Abstecher (Gastspiel außer Haus d.A.) gab es noch mal zwei Reichsmark dazu", erinnert sich Ilse Domann. Und daran, dass sie auf dem Lande auch oft mit Naturalien verwöhnt wurden. Ein Glück in den Jahren des Mangels. "Die Menschen waren gierig nach Kultur", weiß auch Helmut Stoy. Ilse Domann hat drei Jahre bis zur Geburt ihres ersten Kindes im Theater getanzt. Ihren ersten Mann, den Fagottisten und Kollegen von Helmut Stoy, Waldemar Sähring, hatte sie im Theater kennengelernt. Mit ihm ist sie später in andere Städte gezogen, ehe sie 1971 in die Heimat zurückgekehrt ist und in Verwaltungen gearbeitet hat. Als Kultur obfrau hat sie noch lange Theaterbesuche organisiert.

Erfülltes Musikerleben

Auch Helmut Stoy ist durch die Lande gezogen und hat schließlich beim namhaften Rundfunkorchester Leipzig gearbeitet. "Das war eine wunderbare und sehr vielfältige Arbeit" schwärmt er noch heute auch von vielen namhaften Musikern, mit denen er gespielt hat. Während er in jungen Jahren mit seiner Klarinette und eigener Band in unzähligen Lausitzer Tanzsälen zu hören war, ist es in den vergangenen Jahren das Lineus-Salonquartett aus Leipzig gewesen, mit dem er aufgespielt hat, und das ihn nun noch einmal zum Geburtstagsständchen nach Senftenberg begleitet und mit ihm gemeinsam vor allem Operettenmelodien und Evergreens darbieten wird.

Inzwischen hat sich der heute 89-Jährige der Bratsche, der größeren Schwester der Geige, verschrieben und schwärmt von dem Instrument voll Leidenschaft. Die für Violine komponierten Stücke würden im Kopf des Musikers in den Altschlüssel für Bratschen umgesetzt und somit dem Quartett einen besonderen Klang geben, berichtet er stolz, auch, weil er sich trotz der knappen 90 Jahre dazu in der Lage sieht. Gern würde er sein Wissen und viele Noten weitergeben und freut sich, dass die Senftenberger Musikschule auch auf diesem Instrument Nachwuchs ausbildet. Beschwingte Melodien mit dem Lineus Ensemble Leipzig und Helmut Stoy, einem Mann der ersten Stunde des Senftenberger Theaters, sind am Sonntag, 16 Uhr, zu hören. Karten für 16 Euro/13 Euro im Besucherservice, Tel.: 03573 801286.