Es sind dann durchaus auch deftige Worte, die der 43- jährigen Autorin entschlüpfen. Aber die Seelenforscherin streut sie geistreich, mit Hingabe und Vergnügen in die Orangerie, die am Donnerstagabend zum Lesesaal wird. Und sehr schnell ist zu spüren: Das schwergewichtige Buch, das sie gemeinsam mit dem Schriftsteller Richard Wagner schrieb, sammelt nicht nur akribisch deutsche Kulturgeschichte. Es ist gleichsam eine Liebeserklärung, ohne die Abgründe der deutschen Seele zu vergessen.

Das Reinheitsgebot

Mit geradezu kriminalistischem Gespür (schließlich hat sie auch als Krimi-Autorin einen Namen) kramt Thea Dorn unerhörte Sätze von Martin Luther hervor. Der Reformator hat schon lange, bevor Reklamewaschweib Clementine uns den Unterschied von Sauberkeit und Reinheit eintrichterte, das deutsche Reinheitsgebot auf höchst widerborstige Art erklärt. Und so wird eindrucksvoll klar: Das Misstrauen gegenüber einer bloß oberflächlichen Sauberkeit sitzt bei den Deutschen tief. Es entspringt dem Herzen des Protestantismus. Allerdings "Entgegen aller Klischees ist Deutschland in Sachen Sauberkeit allenfalls eine gediegene Mittelmacht", stellt Thea Dorn fest.

Was die reine Nacktheit betrifft, macht ihnen allerdings wohl niemand so schnell etwas vor. Auch hier streift die Autorin mit erstaunlichem enzyklopädischen Wissen amüsant die Entstehungsgeschichte: "Die Sehnsucht der Deutschen, die Hüllen fallen zu lassen, entstand nicht als frivole Marotte, sondern aus gesellschaftskritischen Erwägungen", schlussfolgert sie. Selbst Hermann Hesse frönte dem Nacktwandern, beweist sie mit einer Fotografie aus dem Jahre 1910, wie sie überhaupt mit Bildern und Gemälden ihre Seelenwanderungen untermalt.

Und dann gibt sie noch eine berühmte Anekdote aus der Frühzeit der DDR zum Besten: Beim Besuch des Ostseebades Ahrenshoop soll der spätere Kulturminister Johannes R. Becher eine nicht mehr ganz junge Frau, die nackt am Strand döste, angeschnauzt haben: "Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?" Als Becher kurz darauf den Nationalpreis an Anna Seghers verlieh und sie mit "liebe Anna" begrüßte, soll die großartige Schriftstellerin gesagt haben: "Für Dich Hans, immer noch die alte Sau!"

Angesichts solcher Rückblicke ist es schon schwer, Balsam auf der Seele zu spüren. Bloß gut, dass Thea Dorn nicht nur ihre Abgründe kennt. Sie lässt die Zuhörer in der Waldeinsamkeit (ihr Lieblingsbegriff der deutschen Sprache) wandeln, verrät, dass die Dauerwelle vor 100 Jahren von einem Deutschen erfunden wurde und wie sie selbst dazu kam, zu ergründen, wie wir Deutschen eigentlich sind. "Thea, you are so german", hatte zu der Philosophin ein amerikanischer Kollege bei ihrer Gastprofessur in den USA gesagt. Als Beispiel nannte er ihre Disziplin und gleichzeitige Feierlust. Da habe sie, die mit vorsichtiger Distanz zum Deutschsein aufgewachsen sei, sich zum ersten Mal als Deutsche gefühlt.

Aufregende Zerrissenheit

Im Gespräch mit Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro erzählt sie, dass es diese Zerrissenheit der Deutschen ist, die sie besonders aufregend findet. Ihr Drang zurück zur Natur und ihre Technikbesessenheit. Ihre Eigenbrötlerei und ihr Hang zur Geselligkeit, verewigt in der schönen Wendung: einsamer Gesell. . . Leider habe die verbrecherische Ader der Nazis, das Land in den Gleichschritt zu bringen, es auf Jahrzehnte gelähmt.

Am längsten hat Thea Dorn das Kapitel über klassische Musik beschäftigt: "Kann man Musiker sein, ohne deutsch zu sein?" fragte bereits der Schriftsteller Thomas Mann. Und er fand die Gründe. Einerseits sei Musik fast mathematisch ausgerichtet, andererseits irrational, geradezu mystisch. So sitzt Thea Dorn wieder zwischen allen Stühlen, denn sie liebt Wagner über alles: "Man kann intellektuell viel gegen ihn sagen, aber nichts gegen diese großartige Musik." Balsam für die zerrissene Seele. Typisch deutsch?

Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele, Knaus-Verlag, 560 Seiten, 26,99 Euro.