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| 01:01 Uhr

Nachgeholte Öffentlichkeit

Am Sonntag verstarb, wie bereits gemeldet, nach langer schwerer Krankheit zu Hause in Beiersdorf (Elbe-Elster) der erfolgreiche Kriminalautor Wolfgang Mittmann. Er wurde 66 Jahre alt. Von Klaus Wilke

Er war noch voller Pläne, der Hauptkommissar im Ruhestand Wolfgang Mittmann, dem der Bund Deutscher Kriminalbeamter zu seinem 65. Geburtstag im März 2004 die Ehrenmitgliedschaft verliehen hatte. Das war eine Geschichte, wie sie wohl noch selten vorkommt. Die deutschen Kriminalbeamten würdigten einen Kollegen, der für viele von ihnen „von der anderen Seite“ kam. Er hatte 34 Jahre lang Dienst als Kriminalpolizist bei der DDR-Transportpolizei getan. Und geschrieben hatte er schon damals regelmäßig - Kriminalromane und -erzählungen in allen einschlägigen ostdeutschen Taschenbuch-Reihen.
Außerdem konnte in der DDR kein Krimi erscheinen, der nicht auf Mittmanns Schreibtisch kam. Denn er war auch ein begeisterter Leser und Sammler dieser Literatur, deren dargestellte Ausnahmesituationen für ihn menschliches Versagen, gesellschaftliche Erscheinungen und Missstände in Scheinwerferlicht taucht. Aus seinem „Museum“ resultierte eine vollständige Bibliografie der DDR-Kriminalliteratur, die er 1991 gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Reinhard Hillich herausgab.
Wolfgang Mittmanns Ehrgeiz bestand seit jeher darin, Ergebnisse guter Beobachtungsgabe mit exakter, fast schon penibler Recherche zu untermauern und die gewonnenen, gesicherten Erkenntnisse seinen Lesern in eindringlichem Erzählton nahezubringen. So entstand eine regelrechte Bibliothek „Große Fälle der Volkspolizei“ im Verlag Das Neue Berlin, die fünf Bände umfasst. Mit ihr konterkarierte er eine 1984 veröffentlichte „Geschichte der Deutschen Volkspolizei“ , die für DDR, SED, Stasi und VP Unangenehmes verfälschte, verbog oder wegließ. Er rollte die Fälle publizistisch und literarisch neu auf, brachte einst geheim gehaltene Akten zum Sprechen. Zugleich versetzte er sich in Täter, Opfer und Ermittler und gab ihnen eine menschliche Dimension jenseits der dürren Aktensprache. Mit „Feuerteufel“ (Cottbus-Döbbrick), „Die Todesschüsse von Uckro“ , „Schüsse in der Chausseestraße“ (Polizistenmord in Cottbus) und „Das Eisenbahnattentat von Burkau“ rekonstruierte er auch spektakuläre Kriminalfälle aus Südbrandenburg und Sachsen.
Was er forschend und schreibend an den Tag brachte, nannte er „Nachgeholte Öffentlichkeit“ , weil DDR-Bürger das wenigste davon erfahren hatten. Dabei sah er die Welt nicht einäugig und nicht blauäugig. Seine zwei Augen zeigten ihm Ost und West in den Abhängigkeiten und Beschränktheiten einer lange Zeit geteilten Welt. So wirkte er auch Legendenbildungen entgegen. Der „Gladow-Bande“ , einer Gang im Nachkriegs-Berlin, nahm er in seinem 2003 erschienenen Buch alles idyllische Heldentum, das ihr andere Autoren angedichtet hatten.
Seine Bücher sind von großem kriminal- und zeitgeschichtlichem Wert. Dass nun keine neuen mehr hinzu- kommen, schmerzt.

Posthum Noch zweimal Mittmann
  Im Frühjahr 2006 erscheinen noch ein Buch und ein Anthologiebeitrag von Wolfgang Mittmann.
Im Februar gibt der Militzke Verlag Leipzig unter dem Titel „Die geheime K1 der DDR“ eine Darstellung der bisher geheim gehaltenen Tätigkeit von Kriminalpolizeilichen Kontaktpersonen (KK) und Inoffiziellen Kriminalpolizeilichen Mitarbeitern (IKM) heraus, die Mittmann mit einem unter Pseudonym auftretenden Insider verfasst hat.
Im März erscheint im Verlag Das Neue Berlin eine Kriminalerzählung von Wolfgang Mittmann im Rahmen des großen Blaulicht-Buches „Ein bisschen Alibi hat jeder . . .“ .