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| 17:23 Uhr

Interview mit Andreas Stanicki
Ein Theatermann für (fast) alle Fälle 

 Andreas Stanicki ist die Spielstätte am Senftenberger See ans Herz gewachsen.
Andreas Stanicki ist die Spielstätte am Senftenberger See ans Herz gewachsen. FOTO: LR / Catrin Würz
Senftenberg. Nach zwölf Jahren am Amphitheater Senftenberg sagt der organisatorische Leiter leise Servus.

Andreas Stanicki hat in seiner mehr als vier Jahrzehnte währenden Theaterarbeit fast alles gemacht, was am Theater so an Arbeit anfällt. In den vergangenen zwölf Berufsjahren war der 70-jährige Hallenser organisatorischer Leiter der Sommerspielstätte der Neuen Bühne am Senftenberger See. Jetzt gibt er dem Programm für seine letzte Amphi-Saison den Feinschliff. Im RUNDSCHAU-Gespräch hält er Rück- und Ausschau.

Haben Sie sich für Ihre letzte Amphisaison etwas Besonderes einfallen lassen?

Stanicki Mit Peter Kraus, Purple Schulz, Gitte Haenning und Jan Josef Liefers sind mir schon ein paar Engagements gelungen, über die ich mich besonders freue. Und es kommen noch ein paar interessante Künstler dazu, über die ich noch nicht sprechen will, weil die Verträge noch nicht zurück sind. Andererseits habe ich in jedem Jahr versucht, dem Publikum Besonderes zu bieten.

Sind dabei Wünsche offen geblieben?

Stanicki Natürlich. Ich hätte zum Beispiel gern Ulrich Tukur und seine Rhythmus Boys nach Senftenberg geholt. Aber mit der Kapazität von 600 Plätzen ist da nichts zu machen. Viele bekannte Künstler fangen unter 2000 Zuschauern gar nicht an. Und wenn, sind die Eintrittspreise jenseits von Gut und Böse. Auch Angelo oder Maite Kelly werden kaum wieder bei uns auftreten, sie sind jetzt wieder so prominent, dass sie große Spielstätten vorziehen.

Als Sie 2007 nach Senftenberg kamen, um das erste Amphiprogramm in der Regie der Neuen Bühne zu organisieren, gab es da noch ganz andere Hindernisse...

Stanicki Und ob. Vor allem hat das fehlende Dach die Arbeit erschwert. Künstler mit hochwertiger, teurer Technik wollten natürlich das Risiko nicht eingehen, unter freiem Himmel zu spielen. Und auch für uns war das finanzielle Risiko zu groß. Ich bin in dieser Zeit zu einem wahren Wetterbeobachter geworden. Mit der Bühnenüberdachung und schließlich mit dem Zeltdach ab 2011 haben sich auch für die Programmgestaltung ganz neue Möglichkeiten ergeben. Axel Prahl oder Die Prinzen hätten wir sonst nie auf die Amphibühne kriegen können.

Als studierter Mathematiker haben Sie bestimmt auch eine Statistik geführt, wie sich die Zuschauerzahl entwickelt hat.

Stanicki Natürlich. Im ersten Jahr, also 2008, hatten wir 52 Veranstaltungen mit 13 000 Besuchern. Es war das Jahr, in dem die Neue Bühne die Verantwortung für das Amphitheater vom Zweckverband Erholungsgebiet Senftenberger See übernommen hatte. Sewan Latchinian hatte mich nach Senftenberg geholt. Ich hatte schon vorher durch meine Gastspielagentur Kontakt zu Udo Heuberger vom Künstlerischen Betriebsbüro. Die Aufgabe war doch genau das, was ich gern mache, also irgendwie „my way of life“. Mit dem Dach 2011 jedenfalls hatten wir dann schon 20 000 Zuschauer, ein Jahr darauf 25 000, und so ging es weiter. Vergangenen Sommer waren es 31 500 in 70 Veranstaltungen – und das ohne Amphiparty.

Ein neuer Rekord.

Stanicki Ja, aber es ist keine Koketterie, wenn ich immer wieder sage, mir geht es nicht um Rekorde. Mir geht es um Qualität. Und dabei kommt es darauf an, mit einem sehr vielfältigen Programm einem sehr unterschiedlichen Publikum gerecht zu werden. Da musste ich auch Lehrgeld zahlen.

Was ist nach zwölf Jahren Ihre Erkenntnis: Was funktioniert in Senftenberg?

Stanicki Es ist ein Sommertheater, in dem neben unterschiedlichen musikalischen Angeboten vor allem heitere Kunst gefragt ist. Das bedeutet nicht, dass das Publikum nicht anspruchsvoll ist. Gerade Heiteres braucht gute Qualität. Da waren beispielsweise eigene Inszenierungen, wie die ersten Teile von „Camping, Camping“ ein Renner, aber auch die Stücke des Boulevardtheaters und der Comödie Dresden liebt das Publikum, von der Hexe Baba Jaga in den verschiedenen Folgen bis zu den frivolen Komödien der Herren Doktor, Pastor oder Lehrer. Im nächsten Sommer kommt noch der Landwirt hinzu, dessen Gurke wächst. Übrigens erwarten wir „Die Legende vom heißen Sommer“, die unter anderem zwei sehr beliebte Defa-Filme zu einer Theatershow im Sound des Ostens verknüpft, noch im Sommer aus Dresden.

Was hat Sie selbst in den zwölf Jahren am meisten begeistert?

Stanicki Da gibt es vieles. Ich erinnere mich noch an das erste Konzert von André Hermlin im Sommer 2011 bei einem unglaublichen Unwetter. Das Orchester hat trotzdem weitergespielt, und es kam zu einer faszinierenden Symbiose von Zuschauern und Orchester, die einem Tränen in die Augen trieb. Gleichzeitig war das der Stresstest fürs neue Dach. Begeistert hat mich auch, wie von Jahr zu Jahr das Bee-Gees-Programm „Night Fever“ mehr Fans hatte und eine Vorstellung schon lange nicht mehr reicht.  Ebenso wie der grandiose Rainer König seine Baba Jaga immer wieder auf Höchstform bringt. In diesem Jahr war auch für mich die Gundermann-Filmpremiere mit Andreas Dresen und Alexander Scheer wirklich bewegend. Darüber hinaus hat mich das Publikum und seine Beziehung zum Theater begeistert. Und schließlich das gesamte Technik-und Service-Team. Mit der Übernahme des Amphitheaters war für diesen Bereich des Theaters die bis dahin übliche Spielpause im Sommer vorbei. Doch es hat das mit viel individueller Professionalität angepackt, und ich habe das Gefühl, sogar Spaß daran, auch mal für andere Künstler und andere Kunstformen zu arbeiten.

Dass jemand fünf Jahre nach Erreichen des Rentenalters tätig ist, ist heute eher selten – noch dazu mit Wochenendbeziehung und im Sommer nahezu Abend für Abend. Warum haben Sie das gemacht?

Stanicki Man ist schließlich so jung wie man sich fühlt. Und wie gesagt, ich war in meinem Element.

Dabei hatten Sie schon mal einen Vorruhestandsvertrag unterschrieben.

Stanicki Das war 2005 in Halle. Dort war ich seit 1980 bei Peter Sodann am Neuen Theater Manager, Disponent und noch so einiges. Während er bei vielen Kollegen als schwierig und unbequem galt, hatten und haben wir einen guten Draht zueinander. Als die Stadt Halle die Nichtverlängerung unserer Verträge ankündigte, gab es dieses Angebot zum Vorruhestand. Aber kurz vor Fristende habe ich den Vertrag zurückgezogen und dann eine eigene Künstler-Agentur aufgemacht und  Gastspiele bundesweit vermittelt.

Nur gut, das wäre ja auch vergeudetes Potenzial gewesen... Am Neuen Theater Halle hatten Sie eine spannende Zeit?

Stanicki Klar! Unter Sodann haben wir ja neben dem Theaterbetrieb aus einem alten Kino und Nachbargebäuden  Spielstätten, Gaststätten  und nach und nach eine Kulturinsel geschaffen, die ein einmaliges und programmatisch unverwechselbares kommunikatives Zentrum im Herzen von Halle wurde. Aber auch die Jahre davor in Magdeburg, wo ich auch schon mit Sodann gearbeitet habe, sind unvergesslich. Ich war damals, Mitte der 70er-Jahre, in meinem Mathematiker-Job an der Leipziger Uni nicht gerade glücklich und bin durch die Liebe zu einer Theaterwissenschaftlerin über Nacht in Magdeburg relativ ahnungslos in der Pressedramaturgie gelandet – und habe dort außer Ballett und Orchester fast jede Arbeit gemacht. In einer meiner ersten Rollen habe ich wortlos Quader durch das Bühnenbild getragen...

Immerhin eine tragende Rolle ...

Stanicki (lacht) Dann habe ich bei Galilei den Papst angezogen und musste bei Krieg und Frieden als Soldat im feindlichen Kugelhagel sterben. Bei Heinrich IV. wurde ich dann erstmals Regieassistent. Dabei ist dann mein von der Mathematik geprägtes Planungstalent aufgefallen. Und so ging es dann weiter, natürlich habe ich auch noch Theaterwissenschaft studiert.

Das klingt sehr erfüllt. Haben Sie da nicht Angst vor Langeweile, wenn Sie im Sommer „leise Servus“ sagen (oder gar singen) werden?

Stanicki Ein bisschen mulmig ist mir schon. Andererseits singe ich im Extra-Chor der Oper Halle und in der Robert-Franz-Singakademie. Beides ist recht anspruchsvoll, und wenn man Texte in Italienisch oder Französisch lernen muss, auch ganz gut für die grauen Zellen. Dann will ich mich in mein Fotoarchiv stürzen, sicher auch mit meiner Frau mehr reisen, als uns das bisher möglich war – und natürlich meinen Enkel zum Fußball begleiten. Aber erst einmal liegt ja zumindest noch bis Ende Juli die Saison vor mir – und auch später möchte ich Senftenberg nicht aus dem Blick verlieren.