Sein allererster Auftritt in dieser Stadt war ein Sturz, gibt der prominente Schauspieler, der von 1949 bis 1952 am Cottbuser Theater sein erstes Engagement hatte, zum Besten, als er im Oktober 2006 in Cottbus seine Autobiografie vorstellt. Am Schloss Branitz spielte er den Lamon in Goethes "Laune des Verliebten". In Rokokoseide gehüllt, fegte er mit einem Korb Rosen um die Ecke - und flog der Länge nach hin.

Ein Erlebnis, das Hilmar Thate nicht hindert, immer mal wieder in die Lausitz zurückzukehren. "Bodenhaftung ist ja nicht ein für alle Mal garantiert", so seine Erfahrung, die er im RUNDSCHAU-Interview kundtat, um sogleich Goethe zu zitieren: "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss."

Ob zu Dialog und Filmfestival in Cottbus, in der Senftenberger Bühnenküche oder im Zwiegespräch: Immer wieder erweist sich Hilmar Thate, der sich schnell einen Platz in der Theater- und Kinogeschichte Deutschlands erobert hatte, als ein scharfsinniger Beobachter und Feingeist, der dennoch nicht ohne Grund gerade die widerborstigen Charaktere unvergleichlich darzustellen vermag. Bodenhaftung und Glaubhaftigkeit gehören zu seinen Postulaten, wie er im RUNDSCHAU-Interview verriet, und die Fähigkeit, nicht nur "Ja" zu sagen. Nach drei Debütjahren am Cottbuser Theater geht der 1931 in Dölau (Saalekreis) geborene und in Halle ausgebildete Schauspieler nach Berlin und wird rasch einer der gefeierten Bühnenstars der DDR. Theater der Freundschaft, Maxim-Gorki-Theater, Volksbühne . . . Am Berliner Ensemble steht er neben Helene Weigel auf der Bühne. Am Deutschen Theater macht er in einer legendären Shakespeare-Inszenierung als Richard III. Furore und wird Schauspieler des Jahres. Er spielt in Filmen von Konrad Wolf und Kurt Maetzig, wird als Daniel Druskat im DDR-Fernsehen populär. Kurz bevor er "in der DDR keine Rolle mehr spielen sollte", wie ihm gesagt wurde, erhält er noch den Nationalpreis.

Mit seiner Frau Angelika Domröse fällt er in Ungnade. Wie viele andere Künstler und Intellektuelle hatten sie 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert. Nach längerem Zögern gehen sie 1980 schließlich in den Westen. Man legt ihnen das Westberliner Schillertheater zu Füßen. Die Hauptrolle in Peter Zadeks Sensationserfolg "Jeder stirbt für sich allein" (1980) und sein packender Auftritt in Fassbinders "Die Sehnsucht der Veronika Voss" zeigen auch hier sein schauspielerisches Ausnahmetalent. Basel, Salzburg, München, Stuttgart verlangen nach dem Charakterdarsteller. Er arbeitet mit Regie-Größen wie Tabori, Ingmar Bergman und Schlöndorff, beweist geniale Wandlungsfähigkeit. Ob als Brecht-Schauspieler, "König von St. Pauli" oder "Mephisto" - er gehört zu den Schauspielikonen Deutschlands, verleiht den widerborstigsten Gestalten emotionale Tiefe.

Seit 40 Jahren sind Angelika Domröse, die eben 75 wurde, und Hilmar Thate ein Ehepaar, das als Schauspielerlegende gefeiert gemeinsam durch dick und dünn ging. Es ist in letzter Zeit ein wenig still um sie geworden. Thate will nicht mehr spielen, heißt es. Nicht zu glauben. Hat er doch im Interview postuliert: "Spielerisch bleiben, solange du atmest."