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Musikalische Stimmungen in Schottland und im Feenreich

Wiener Klassik und deutsche Romantik, beides in reinster Ausprägung, bestimmten das Programm des 5. Philharmonischen Konzerts im Cottbuser Staatstheater. Die junge Deutsch-Koreanerin Suyoen Kim musizierte das D-Dur-Violinkonzert KV 218 von Wolfgang Amadeus Mozart, und eingerahmt wurde es von Carl Maria von Webers „Oberon“-Ouvertüre sowie der 3., der „Schottischen“ Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dirigent war Mathias Husmann. Von Irene Constantin

Zwischen Morgenland, öder Insel, einem Rittersaal aus der Zeit Karls des Großen und dem Feenreich liegen die musikalischen Landschaften, in denen die phantastische Personage von Webers "Oberon" allerlei Liebesproben und Abenteuer besteht. Einige Stationen und Situationen mit ihren prägnanten musikalischen Markenzeichen stellt Weber in der Ouvertüre vor. Des Feenkönigs Oberon geheimnisvoll leiser Hornruf eröffnet das Stück; eine Mutprobe für jeden Hornisten. In Cottbus wurde sie bestanden.
Auch die darauf folgende Streichermelodie entfaltete ihren geheimnisvollen Zauber. Als das Klanggemälde dann jedoch in die irdische Welt der Ritterlichkeit wechselte - deren hochherzig auffahrenden Stolz Weber ebenso meisterhaft zu komponieren verstand wie Geheimnis und Waldesdunkel - gingen Mathias Husmann und das Orchester allzu forsch und eher bieder zur Sache. Nahezu gleichförmig und unelegant klangen die wiederholten aufwärts fliegenden Motive. Um die entrückte, verzauberte Stimmung war es getan.
Auch im Mozart-Konzert fand das Orchester erst langsam den spezifischen Ton der Solistin. Auf ihrem obertonreichen und hell klingenden wertvollen Instrument, einer Camilli-Violine aus Mantua von 1742, spielte Suyoen Kim seidenglatt und unbeschwert von aller irdischen Mühsal. Kein einziger aufgerauter Ton war zu vernehmen, Kims Spiel erschien als pures musikantisches Glück. Die 1987 geborene Geigerin bot das Leichte, was so unendlich schwer zu machen ist, in reinster Ausprägung. Der erste Satz sprang munter dahin, im folgenden Andante cantabile spann die Solistin Melodiebögen, die nicht zu enden schienen.
Nicht jedem liegt eine solche problemferne Musizierauffassung. Offensichtlich wünschte sich Mathias Husmann etwas mehr Intensität und Tiefgang, entsprechend war das Orchester eingestellt. Wo dezenteste Begleitung nötig war, kam aus dem Orchester hier leider deplatzierter eigener Gestaltungswille. Erst im abschließenden Rondeau fand man sich zu unbeschwertem Musizieren; glänzend der Gedanke, die Solistin über weite Passagen nur vom Quintett der Orchestersolisten begleiten zu lassen. Die daraus resultierende kammermusikalische Unbekümmertheit und Beschwingtheit ließ den etwas holperigen ersten Satz vergessen.
Als junger Mann aus reichem Hause genoss Felix Mendelssohn eine erstklassige Erziehung. Bildungsreisen gehörten unbedingt dazu. Mendelssohn durfte nach Schottland und Italien reisen. Italien war ein Muss und Schottland kam im frühen 19. Jahrhundert außerordentlich in Mode. Aus beiden Ländern brachte der junge Musiker Anregungen zu einer Sinfonie mit. Es entstanden die berühmte 4. Sinfonie, die strahlende "Italienische" und in etwas mühsamerem Schaffensprozess die 3., die "Schottische".
Schottlands Nebelstimmungen, Schottlands geschichtsbeladenes Königshaus, die ausgelassene Volksmusik, all dies wollte Mendelssohn in der Form musikalischer Stimmungsbilder schildern, keinesfalls lautmalerisch oder folkloristisch abbilden. Die Wälder und Moore, aus denen schon Shakespeares Hexen emporstiegen, ahnt und empfindet man mehr, als dass man eine direkte Hexenmusik hört, auch klingen die Dudelsäcke ein wenig nach Sommernachtstraum und damit nach der ureigenen Handschrift des Komponisten. Das Allegro maestoso des Hofzeremoniells passt auf alle märchenhaften Königshöfe. Dennoch bekommt man eine komplexe Vorstellung von Schottlands Natur, wie Mendelssohn sie sah.
In diesem schönen, klassisch gebändigten romantischen Werk fühlten sich auch die Musiker zu Hause. Es stimmte jeder Akzent, jedes Vorwärtstreiben und Innehalten, jeder Takt und Ton hatte die rechte Rundung und Form. Langer Beifall dankte dem Orchester und dem Dirigenten.