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| 16:49 Uhr

Gastspiel im Staatstheater
Denkvergnügen im Undurchschaubaren

Schauspieler Götz Schubert und Musiker Manuel Munzlinger begeisterten am Sonntagabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus,
Schauspieler Götz Schubert und Musiker Manuel Munzlinger begeisterten am Sonntagabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus, FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Musik/Hör/Spiel mit Schauspieler Götz Schubert und Musiker Manuel Munzlinger sorgten am Sonntag für einen anregenden Abend in der Cottbuser Kammerbühne. Von Renate Marschall

Noch ist draußen von den im Wetterbericht angekündigten frostigen Temperaturen nichts zu spüren, im Inneren der Kammerbühne allerdings tobt ein eisiger Schneesturm, der alles zu ersticken droht, auch die Stimme des Mannes, der sich durch den dichten Schnee wühlt.

Immerhin, er ist von einem Punkt zur Linie geworden, er bewegt sich also. Aber was nützt es? Hinter ihm Schnee, vor ihm Schnee, alles weiß. Alles Mögliche geht ihm durch den Kopf – philosophische Überlegungen, solche über die Abzweigungen des Lebens und die dieses Weges, der weder Vorn noch Hinten zu haben scheint.

Der Schauspieler Götz Schubert, bekannt aus zahlreichen Fernsehfilmen, auch vielen „Tatorten“, sitzt, steht auf der Bühne ohne Requisiten, lässt nur ab und zu ein Blatt auf den Boden gleiten, wenn er den Text darauf zu Ende gelesen hat, sonst passiert nichts. Allein mit ein paar kleinen Gesten und seiner markanten, wandlungsfähigen Stimme schafft er es, die Figuren lebendig werden zu lassen. Der Musiker Manuel Munzlinger erzeugt mit Klarinette, Keyboard und Computerklängen das Atmosphärische, untermalt das Surreale der Situationen. Musik/Hör/Spiel nennen die beiden Interpreten, was sie da auf die Bühne bringen.

Die Texte, Geschichten von der allgemeinen Undurchschaubarkeit – so auch der Titel des Abends – stammen von Preisträgern des renommierten Bachmann Literaturwettbewerbs. Sie alle befassen sich mit den Unwägbarkeiten des Lebens, Entscheidungen, die zu tragischen, komischen, irrwitzigen Resultaten führen.

Aber nun hängt man fest auf dem eingeschlagenen Weg, von dem man irgendwann begreift, man hätte nie einen Fuß auf ihn setzen dürfen. So geht es auch dem schneeumhüllten Menschen in der ersten Geschichte „Sie befinden sich hier“ von Kathrin Passig. Warum musste er auch im Winter auf diesen Berg steigen, um in einer Hütte Glühwein zu trinken? Die Altvorderen wären nie auf die Idee gekommen, ohne Notwendigkeit so etwas auf sich zu nehmen, sinniert er.

Wie er überhaupt alles zu analysieren weiß – seine intellektuellen Fähigkeiten sind intakt – nur nützen sie ihm nichts. Die Natur macht, was sie im Winter, noch dazu in den Bergen, so macht und er ist ihr ausgesetzt, trotz warmer Jacke und kluger Gedanken, die zuletzt um seine Kindheit und Jugend kreisen... Eine fabelhafte Parabel über die Hybris des Menschen.

Auch der Mann, der jetzt einem anderen in der Küche gegenübersitzt, hadert mit seiner Entscheidung. Freilich hatte er einen Mitbewohner für seine Wohnung gesucht, eher noch eine Mitbewohnerin, die ja vielleicht etwas Wohnlichkeit in die vier Wände gebracht hätte. So einen wie den aber rein gar nicht. Schon am Telefon war der ihm unsympathisch gewesen mit seinem schlauen Getue.

Warum also hatte er ihn eingeladen, wo der Typ doch genau so ist, wie er ihn sich vorgestellt hatte: Anzug, geschniegelt und gebügelt – das ganze Gegenteil von sich selbst, der seinen äußeren Zustand, den ganzen Tag im schlumprigen Schlafanzug, als Spiegel seines Inneren sieht.

Nun sitzen sie am Küchentisch, schweigen sich an und jeder macht sich, wie sich am Ende herausstellt, so seine eigenen Gedanken. Die Uhr tickt und der Wasserhahn tropft, die Zeit vergeht – sinnlos.

„Paso doble“ heißt der Text von Kai Weyand – zu Deutsch Doppelschritt. Hier war es mindestens einer zu viel, führt zu einer surrealen Situation. Irgendwie fühlt man sich an Salvador Dalis Bilder mit den zerfließenden Uhren erinnert. Und ähnlich wie im getanzten Paso doble umkreisen sich hier zwei, wenngleich nur gedanklich. An welcher Stelle seines Weges ist mit dem Wohnungsanbieter etwas aus dem Ruder gelaufen?

In Philipp Weiss‘ Geschichte „Blätterliebe“ geht es sowohl um das Schreiben, also das Verfassen von Texten, als auch um die Liebe, die hier offenbar nicht viel mit Gemeinsamkeit zu tun hat. Der Schreibende fühlt sich verkannt und isst den ganzen Stapel Blätter auf, an dem er so lange gearbeitet hat. Zwangsläufig landet er in der Notaufnahme. „Man versteht nie etwas, und eines Tages stirbt man daran“ ist sein Fazit. Allgemeine Undurchschaubarkeit überall. Die Zuschauer hatten ihre Freude an diesem geistreichen, anregenden, erheiternden und nachdenklich stimmenden Abend, bedankten sich mit viel Beifall.