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Musik – dann beginnt es, im Kopf zu tanzen

Tänzer, die förmlich durch die Luft fliegen bei der Probe zu "Keith".
Tänzer, die förmlich durch die Luft fliegen bei der Probe zu "Keith". FOTO: Marlies Kross
Cottbus. "Menschenskinder!" Meisterchoreografien von Birgit Scherzer und Nils Christe eröffnen den Premierenreigen am Staatstheater. Ida Kretzschmar

Samstagabend noch erlebte sie den Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards in Hamburg. Sonntagmittag schon war Birgit Scherzer wegen "Keith" in Cottbus. Allerdings handelt es sich in diesem Falle um den Jazzpianisten Keith Jarrett. "Musikalisch eine alte Liebe von mir. 1988 habe ich an der Komischen Oper Berlin sein Köln-Conzert in Tanz umgesetzt, es wurde eines meiner erfolgreichsten Stücke", verrät die Palucca-Schülerin, die bereits an vielen Theatern in In- und Ausland als Choreografin und Regisseurin ihre markante Handschrift hinterlassen hat.

"Keith" ist eine der "Meisterchoreografien" des dreiteiligen Ballettabends am Staatstheater, der am 16. September den Premierenreigen der neuen Spielzeit eröffnen wird. Kostproben davon gab es bereits während der Offenen Probe am Samstag und zum Theaterbrunch am Sonntag. Kraftvoll, energiegeladen erobern Tänzer die Bühne, nehmen die Musik in sich auf und versuchen, sie in ihre Körpersprache zu übersetzen. "Für mich ist wesentlich, dass die Tänzer die in freier Improvisation entstandene Musik verstehen, sie fühlen, das eigene Bewegungsmaterial nutzen, um diese Freiheit spüren zu lassen", sagt die Choreografin, die zum Auftakt des Ballettabends auch "Anywhereme" zeigen wird, eine aktualisierte Fassung des ersten Teils ihres Balletts "Frauen, Männer, Paare" aus dem Jahr 1991. Auch dieses Ballett steht für eine Zeit an der Komischen Oper Berlin, als sich unter der Leitung von Tom Schilling ein damals völlig neuer, aufsehenerregender, kraftvoller Tanzstil entwickelte.

Wenn von "Meisterchoreografien" in Cottbus die Rede ist, darf auch Nils Christe ("Sync"), nicht fehlen. Schon zweimal waren seine außergewöhnlichen Arbeiten in Cottbus gefeiert worden, zuletzt 2016 "Im Fluss der Zeit". Und so freut sich Ballettchef Dirk Neumann, dass das Cottbuser Ballettensemble, erneut mit erstklassiger Tänzerverstärkung, Choreografien, die für international führende Tanzkompanien entwickelt wurden, in Cottbus aufleben lässt. Dass der international bekannte Choreograf Nils Christe diesmal in Cottbus gemeinsam mit Annegien Sneep sogar eine deutsche Erstaufführung einstudiert, wertet der Cottbuser Ballettchef als Kompliment für die Cottbuser Crew.

"In ,Cantus' sollen die Tänzer zeigen, was sie alles können", sagt der Choreograf. Das Stück mit Musik von Arvo Pärt entstand 2015 in den Niederlanden für "Introdans", eine der wichtigsten niederländischen Tanzkompanien, und wurde ein sensationeller Erfolg. "Es stellt sehr hohe Ansprüche an die Tänzer. Aber was wir in Holland geschafft haben, bekommen wir auch in Cottbus hin", versichert Christe.

"Ich muss mich in die Musik verlieben, dann beginnt es, im Kopf zu tanzen", gesteht der studierte Musiker. Unter seinen mehr als 80 Choreografien ist kaum ein Handlungsballett: "Alles wird aus der Musik geboren", schildert er den Entstehungsprozess.

Der estnische Komponist Arvo Pärt habe eine emotionsgeladene Musik geschrieben, sehr überraschend, spannungsreich und spirituell. "Das zu übersetzen ist fantastisch", schwärmt Christe und es bedeute: "Tanzen in Maximalgeschwindigkeit". Schwerstarbeit für die Ballett-Truppe, die gleich zu Beginn der Spielzeit schnell fit sein musste.

Tänzer René Klötzer, der bereits mit beiden Choreografen gearbeitet hat, genießt die Herausforderungen bis zu körperlichen Grenzerfahrungen: "Man liest die Choreografien wie ein Buch, fliegt durch die Luft, rollt am Boden, trägt die Partnerin. Und spürt dieses unglaubliche Gefühl, wenn Musik und Bewegung in Einklang kommen", bekennt er. Der Titel dieses Ballettabends ist offenbar Programm: "Menschenskinder!"

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, Großes Haus. Weitere Vorstellungen: 21. September, 19.30 Uhr; 7. Oktober, 19.30 Uhr; 31. Oktober 19 Uhr, Ticket-Telefon im Besucherzentrum: 0355/ 78242424