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Museum feiert Fusion und Neugründung in Cottbus und Frankfurt (Oder).

Gemeinsam nun im Landesmuseum: Direktorin Ulrike Kremeier und Armin Hauer aus Frankfurt (Oder), hier bei der „Schlaglichter“-Schau in Cottbus.
Gemeinsam nun im Landesmuseum: Direktorin Ulrike Kremeier und Armin Hauer aus Frankfurt (Oder), hier bei der „Schlaglichter“-Schau in Cottbus. FOTO: ARCHIVFOTO: DPA
Cottbus. Fast drei Jahre dauerten die Hochzeitsvorbereitungen. Gepoltert wurde auch schon ordentlich. Heute nun wird die Verbindung zwischen dem Kunstmuseum Dieselkraftwerk dkw. Cottbus und dem Museum Junge Kunst (MJK) Frankfurt (Oder) besiegelt. Die RUNDSCHAU sprach über das Fest mit Ulrike Kremeier, die Direktorin des Landesmuseums für moderne Kunst wird. Mit Ulrike Kremeier sprach Ida Kretzschmar

Frau Kremeier. Kunst in Fusion wird Wirklichkeit. Was ist das für ein Gefühl?

KREMEIER Ein sehr gutes. Endlich wird etwas greifbare Realität, das uns so lange intensiv beschäftigt hat. Vieles auf dem Weg war mühselig und langwierig, aber mit der Verschmelzung zu einem Landesmuseum an zwei Standorten gibt es nun eine adäquate Struktur für das, was uns gemeinsam beschäftigt. Wenn wir also in Cottbus oder in Frankfurt (Oder) künftig Ausstellungen organisieren, können wir auf eine deutlich größere Sammlungsressource zurückgreifen, die unterschiedliche, aber ähnlich geartete und somit sehr kompatible Bestände in beiden Häusern vereint. Das ist schon mit den "Schlaglichter"- Ausstellungen deutlich geworden. Ziel eines Museums ist es ja immer, künstlerische Positionen, Themen und Epochen möglichst umfassend präsent zu haben. Diesem Ziel sind wir näher gekommen. Die Fusion ist ein guter Anfang. Aber es wird eine Weile dauern, bis beide Museen zu einem zusammengewachsen sind.

Was hat der Ausstellungsbesucher davon?

KREMEIER Er wird ein Angebot an Ausstellungen haben, die sein Blickfeld wesentlich erweitern. Er kann eine Schau an einem Ort ohne Lustund Erkenntniseinbuße besuchen. Obendrein lädt am anderen Ort eine weitere Ausstellung ein, dazu noch die andere Seite der Medaille zu betrachten. Im Herbst planen wir beispielsweise eine Otto-Dix-Schau in Cottbus, die den Blick des Malers auf den Realismusbegriff in den 20er- und 30er-Jahren beleuchtet. Parallel zu dieser historischen Rückschau öffnet in Frankfurt (Oder) eine Schau "(Quer)köpfe", die veristische und spät-expressionistische Porträts von Otto Dix und Erna Schmidt-Caroll mit Werken der 80er- und 90er-Jahre aus der Sammlung des Landesmuseums verknüpft. Diese Ausstellungen Anfang September stellen einen sehr unmittelbaren kunsthistorischen Zusammenhang für unsere eigene Sammlung her und schaffen eine thematische Tiefe, die durch das Zusammengehen befördert wird.

Ist das nicht auch eine Herausforderung an die Mitarbeiter?

KREMEIER Aber ja! Das Wichtigste ist, dass die Teams gut zusammenwachsen. Natürlich sind noch nicht alle Ängste ausgeräumt. Aber Zusammenrücken hat auch seinen Reiz, zumal es Verstärkung gibt. Zum ersten Mal wird eine Museumspädagogin in Frankfurt (Oder) arbeiten. Auch eine zweite Kustodenstelle gibt es dort ab August. In Cottbus ansässig werden zwei neue Stellen das Gesamtteam verstärken. Ich habe den Eindruck, alle Beteiligten freuen sich darauf, ihre Arbeit im Landesmuseum gemeinsam auf eine neue Stufe zu heben. Da werden auch die Räumlichkeiten in Frankfurt (Oder) zu betrachten sein, ob sie auch perspektivisch die Ausstellungsbedingungen erfüllen. In Cottbus braucht es noch mehr Platz für die museumspädagogische Arbeit. Wir haben einen Bildungsauftrag, den wir sehr ernst nehmen. Wir freuen uns auch über das große Interesse unserer Kooperationspartner aus Kitas und Schulen. So gewinnen wir auch ein verlässliches Publikum der Zukunft.

Heute wird erst einmal gefeiert. Warum gibt es nicht ein gemeinsames Fest?

KREMEIER Es ist ein gemeinsames Fest. Aber eben wie das Landesmuseum an zwei Standorten. Und wer Lust hat, ist gern dazu eingeladen, nacheinander bei beiden Feiern dabei zu sein. Wir fangen am Vormittag in Cottbus an und ziehen um die Mittagszeit weiter nach Frankfurt (Oder).

Was erwartet die Besucher?

KREMEIER Nach dem Festakt, bei dem das Finanzierungsabkommen unterzeichnet wird - immerhin gibt es ja jährlich zusätzlich 450 000 Euro vom Land - und das Landesmuseum unter Beteiligung vieler Ehrengäste in der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus - Frankfurt (Oder) willkommen geheißen wird, gibt es ein wunderbares Rahmenprogramm. Es knüpft an die jeweiligen Ausstellungen auf unterhaltsame Weise an. In Cottbus werden Musiker und Schauspieler des Staatstheaters Cottbus für Feststimmung sorgen. Draußen vor der Tür aber entfaltet sich ein Circus maximus(eum). Man wird Feuerschluckern, Jongleuren und Einradfahrern begegnen. Und das Kanuballett beweist sich in einer ungewöhnlichen artistischen Disziplin. Diese verdanken wir Holzbildhauer HansGeorg Wagner, der ab September im Landesmuseum in Cottbus auch eine Ausstellung haben wird.

Warum lohnt es sich, nach Frankfurt weiterzuziehen?

KREMEIER In Frankfurt gibt die Malstrom-Ausstellung von Künstlern, die in den 80er-Jahren die DDR verlassen hatten, dem Fest sein besonderes Gepräge. Zu erleben sein werden Punk-Musik aus der DDR und Filme von Cornelia Schleime, die ja nicht nur als Malerin, Performerin und Filmemacherin, sondern auch als Gründerin einer Punkband bekannt geworden ist. Auf diese Filme freue ich mich ganz besonders. Und wer dann noch immer nicht genug Kunst genossen hat, dem empfehle ich noch einen Abstecher zum Rohkunstbau nach Lieberose. Strahlende Aussichten für Kunstfreunde.

Wird die Strahlkraft des Landesmuseums auch über Brandenburg hinaus in diesem Jahr noch spürbar werden?

KREMEIER Auch mit neuem, gemeinsamem Design wollen wir unser neues Gesicht zeigen, Identität prägen. Vor allem aber sorgen wir im Umgang mit unserer einmaligen Sammlung für eine stärkere Wahrnehmung der Kunst aus der DDR, die 75 Prozent unseres Gesamtbestandes ausmacht. Indem wir sie in einen neuen Kontext stellen, sorgen wir für künstlerische und gesellschaftliche Debatten auch über die Landesgrenzen hinaus. So vermischen wir beispielsweise zeitweise unsere Sammlungsbestände mit der Kollektion der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, mit der es eine wunderbare Zusammenarbeit gibt. Für Mitte Oktober gehen wir eine ähnliche Kooperation im Schloss Biesdorf in Berlin ein. Der Reiz besteht darin, die Kunst immer wieder in neuen Zusammenhängen zu zeigen, ihre Relevanz für die Gegenwart und ihre Traditionslinien ins Gestern, aber auch ins Heute aufzuzeigen. Daraus schöpft sich Strahlkraft, die über das Land hinausreichen wird. Wir wollen dabei im nächsten Jahr auch stärker mit der polnischen Kunstszene Schnittstellen finden. Die Fusion aber wurde in Cottbus durch einen "Paukenschlag der Moderne" und "Blütezeiten" eingeläutet. Sollen diese Ausstellungen auch Zeichen setzen? Am Vorabend der Fusion eröffnet, erzählen die Fotografien und Landschaften viel von der Suche nach Identität. Ich denke da nur an ein poetisches Bild von Sven Gatter. Aus einem gefluteten Tagebaurestloch scheinen Motorboote, die im Winter mit einem Kran aus dem Wasser gehoben werden, wie Flugzeuge emporzuschießen. Ein utopischer Höhenflug, der den Blick mit Fantasie fesselt und doch bei der Realität bleibt. Ein sehr schönes Motto auch für unser Landesmuseum.

Zusammengefügt zu einer einmaligen Sammlung

Die Sammlung, die das dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus ins Landesmuseum einbringt, besteht aus etwa 30 000 Werken der Malerei, Fotografie, Plakatkunst und Zeichnung. In Frankfurt (Oder) befinden sich rund 11 000 Werke - fast alles Kunst aus der DDR. Nach 1989 wurden im Museum Junge Kunst Lücken geschlossen, die vorher aus politischen oder finanziellen Gründen offenblieben.

Kunstfusion im Circus MAXIMUS(eum) bis Malstrom

Von 10 bis 12 Uhr sind am Samstag alle unter dem Titel "Kunst in Fusion" nach Cottbus zu den Festreden wie auch zu Konzert, szenischer Führung und zum Kanuballett auf dem Amtsteich eingeladen. Zirkusartisten in und um das Museum verwandeln Dieselkraftwerk und Umgegend förmlich in einen Circus maximus(eum) und lassen den Zauber der aktuellen Ausstellung "Zirkuszauber" für Gäste und Besucher lebendig werden. In Frankfurt (Oder) startet ab 13 Uhr das Programm ebenfalls mit Musik und Festreden, gefolgt von einer einzigartigen Sound- und Filmexkursion in die Zeit, als die Künstlerinnen und Künstler der aktuellen Ausstellung "Malstrom2" als Teil einer bis heute nur wenigen geläufigen Gegenkultur der DDR bekannt wurden. Der Eintritt zum Festakt ist an diesem Tag an beiden Standorten frei. Zur Feier des Tages gibt es am 1. Juli Eintritt zum ermäßigten Preis in alle Ausstellungen des Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst; zudem ist der Katalog "Schlaglichter. Sammlungsgeschichte(n)" nur an diesem Tag zum Sonderpreis erhältlich.