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| 18:39 Uhr

Interview mit Arnold Fritzsch
Mit altem Kraftstrom: „Wir wollen’s wieder wissen“

Arnold Fritzsch lässt alte Hits in der Theaternative C in Cottbus neu aufleben.
Arnold Fritzsch lässt alte Hits in der Theaternative C in Cottbus neu aufleben. FOTO: Yulia Speich
Cottbus. Der Gründer der Gruppe Kreis ist mit Murmels Old-School-Band am 2. November in der Kleinen Komödie in Cottbus.

Murmels Old-School Band haucht am 2. November in der Kleinen Komödie Cottbus vielen großen Hits des Ostens neues Leben ein. Im RUNDSCHAU-Interview verrät Bandleader, Sänger und Komponist Arnold Fritzsch, vielen auch als Gründer der legendären Gruppe Kreis bekannt, was ihn zurück auf die Bühne treibt.

Arnold Fritzsch, lange her, dass wir Sie als Sänger erlebt haben. Wollen Sie es noch einmal wissen?

Fritzsch Richtig. Wir haben auch einen Song „Wir wollen’s wieder wissen“. Es ist ein Remake des alten Kreis-Hits „Doch ich wollt es wissen“. Der Song ist 40 Jahre alt, aber Rost hat er noch immer nicht angesetzt. Ich habe schwere Zeiten hinter mir, bin nun genesen und, nachdem ich gerade zum vierten Mal geheiratet habe, glücklich wie noch nie in meinem Leben. Und da gehört die Musik so was von dazu. Ich habe das Glück, dass zwei ehemalige Kreis-Mitglieder Wolfgang (Nick) Nicklisch (Gitarrist) und Jörg Dobersch (Bassist) mit mir immer noch zusammenspielen und Spaß haben wollen. Unser Drummer ist Stefan Dohanetz. Er hat viel mit Pankow und Wentzel gespielt. Zusammen haben wir viele Studioproduktionen gemacht, zum Beispiel für Ines Paulke und Arnulf Wenning, Wolfgang Lippert und viele andere Sänger aus dem Osten.

Verraten Sie, was es mit Murmels Old-School-Band auf sich hat?

Fritzsch Murmel ist ja mein uralter Spitzname, der schon zu Kreis-Zeiten da war und fast populärer ist als mein wirklicher Name. Ausgedacht hat ihn sich Eva, meine damalige Frau (wegen meiner Murmelaugen, sagte sie damals). Aber für Nick und Jörg, mit denen ich nun nach alter Schule wieder alte Hits auferstehen lasse, bin ich noch immer Murmel. Wir sind reife Männer, die sich dazu bekennen, dass alter Rock’n’Roll gespielt wird. Mit einer jungen Frontsängerin: Anne-Katrin Meyer. Wir fangen unser Konzert übrigens immer mit einem der Ursprungs-Rock’n’Roll-Songs von Chuck Berry an: Johnny B. Goode. Schon für die Beatles war Chuck Berry ein großes Vorbild. Die Tiefen und Leiden des Blues haben mich besonders geprägt, diese Synthese von weißer und schwarzer Musik. Das ist ein ungeheurer Kraftstrom, der auch in Cottbus spürbar werden soll.

Worauf können sich Musikfans in Cottbus noch freuen?

Fritzsch Wir spielen die Hits von Ines Paulke, für die ich ja alle Lieder geschrieben habe, bis zu Nina Hagens vergessenem Farbfilm. Dazu kommen neue Songs, Beatles- und Abba-Titel, Pop-Musik, die unser Leben begleitet. Und natürlich erklingen auch die alten Kreis-Hits.

Wie sind Sie denn 1973 auf den Namen Kreis gekommen?

Fritzsch Meine Idee war es nicht. Aber mit Kreis haben wir uns nicht nur im Kreis gedreht. Mit „Pipeline“ fing es an. Das war der erste Kreis-Song überhaupt, obwohl den kaum jemand kennt, ein richtig guter Funky-Song. Es war eine gute Zeit, die nach neun Jahren, als mein Sohn Marcus in die Schule kam, vorbei war. Weil ich nicht mehr rund ums Jahr unterwegs sein konnte. Ich bin ungeheuer stolz auf Marcus, der ja jetzt bei Zöllner spielt und mit Maschine. Und auch auf seine Tochter, meine Enkelin Maxima. Dieser Stolz verbindet mich noch heute mit Eva.

Sie sind ohnehin nicht so der Typ, der gern unterwegs ist, habe ich gehört.

Fritzsch Das gebe ich zu. Ich bin ein sensibler Mensch. Das Tourneeleben ist anstrengend. Ohnehin ist es mir nicht so wichtig, ob ich selbst singe oder ein anderer meine Songs singt. Ich bin eher der typische Musicaldirektor, der gern alle Fäden in der Hand hält, die Musik bestimmt. Das Produzenten-Dasein in den 80er-Jahren hat mich deshalb sehr erfüllt. Und natürlich die Filmmusik. Nach der Wende war ich zutiefst dankbar, dass sich Regisseur Thomas Jacob an die gemeinsame Arbeit erinnerte und mich zurück ins Filmgeschäft holte. Ich bin bei der TV-Serie „Bergdoktor“ eingestiegen, von 2005 bis 2012 habe ich für „Um Himmels Willen“ die Musik gemacht, danach bin ich zu „Soko Leipzig“ gegangen. Aber eigentlich stecke ich nicht mehr so im Filmgeschäft, obwohl ich noch gut davon lebe.

Sie sind nicht nur im berühmten „Kreuzworträtselfall“ aus dem Jahr 1988, sondern bei zwölf „Polizeirufen 110“ verantwortlich für den schaurigen Soundtrack. Reizt es Sie, noch einmal einen „Tatort“ zu komponieren?

Fritzsch Eigentlich komponiere ich lieber für Komödien. Es strengt mich zu sehr an, Angst zu erzeugen. Ich habe sehr dunkle Jahre hinter mir und lange an Depressionen gelitten. Die Krankheit ist längst auf dem Wege zur Volkskrankheit. Ich habe zwei meiner besten Freunde an sie verloren: die Sänger Ines Paulke und Hendrik Bruch. Die Wende war ja nicht nur für mich ein tiefer Einschnitt, dazu kamen falsche Freunde, das Ende hoffnungsvoller Beziehungen. Dreimal habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen, bin 15 Jahre von Therapie zu Therapie gesegelt. Inzwischen habe ich Mut gefasst, mache anderen Mut, man kann etwas gegen die Krankheit tun. Und im Moment fühle ich mich sehr gut. Als Christ bedrückt es mich schon, dass in einem der reichsten Länder der Erde die Schere zwischen Arm und Reich noch nie so groß war wie heute. Und doch gebe ich die Hoffnung nicht auf: Vielleicht wird es ja doch einmal etwas mit der humanistischen Gesellschaft. Ich fange jetzt so viel wie möglich Helligkeit auf. Dafür sorgt meine vierte Ehefrau, eine Polizistin. Und die Musik.

Ihre groovige Musik klang nicht nach Osten. Das hat sich die Gruppe Kreis gern nachsagen lassen.

Fritzsch Mag sein. Aber es ist mir schon wichtig, dass wir Ostmusik hörbar machen. Sie hat ja mit unserem Leben zu tun. Viele Ostdeutsche sind frustriert, weil ihnen die Wende nicht das gebracht hat, was sie erträumten. Manche fühlen sich noch immer als Deutsche zweiter Klasse.

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Fritzsch Rotkäppchen als Rockmärchen. Lassen Sie sich überraschen...

Mit Arnold Fritzsch
sprach Ida Kretzschmar

2. November, 19.30 Theaternative C, Petersilienstraße 24, Cottbus: Murmels Old-School-Band. Karten unter Telefon: 0355 22024 oder per E-Mail: info@theaternative-cottbus.de