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| 17:06 Uhr

Mozart zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten

Alissa Margulis (Violine) zeigte sie als durchsetzungsfähige Solistin.
Alissa Margulis (Violine) zeigte sie als durchsetzungsfähige Solistin. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Mozart und dazu ein launiges Stück von Steffen Schleiermacher standen am Wochenende auf dem Programm des 2. Philharmonischen Konzertes am Staatstheater Cottbus. Alissa Margulis spielte die Solovioline, Chordirektor Christian Möbius ließ sich am Cembalo hören, und Evan Christ dirigierte. Irene Constantin

Die Nummer 16 von 626 Positionen des berühmten Köchelverzeichnisses aller Mozart-Werke eröffnete das Konzert; ein Kinderwerk mithin. Knapp neun Jahre war der Knabe alt, als er sein erstes Sinfoniechen komponierte. Erstaunlicherweise war schon dieses Stück als Mozart-Werk zu erkennen. Trotzdem, es hatte durchaus etwas Amüsantes, wie sich ein gutes Dutzend professioneller Musiker einschließlich des Generalmusikdirektors mit aller Ernsthaftigkeit für diese "Kinderarbeit" engagierten.

Interessant war, wie die Musiker das Klangbild gestalteten. Eine agil durchgeführte Dynamik mit schnellen Laut-Leise-Übergängen schuf Spannung, Tempi und Kontraste stimmten, das vibratoarme Spiel der Streicher entsprach der Musizierart in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Allerdings würde sich die Verwendung von historischen Bögen deutlich besser für diese Spielweise eignen. Hin und wieder war der Klang etwas grob. Dennoch gibt gerade diese Interpretation Anlass zu den schönsten Klang-Hoffnungen für die im März geplante Premiere der Händel-Oper "Alcina" - Barockoper, gab es das überhaupt schon einmal in Cottbus? Im zweiten Werk des Abends war man rund 200 Köchel-Nummern weiter. Das Violinkonzert Nr. 4 D-Dur entstand 1775, Mozart war knapp 20 und Konzertmeister in Salzburg.

Er hatte also beruflich mit der Violine zu tun, erst später widmete er sich vornehmlich dem Klavier. Alissa Margulis, die Solistin des D-Dur-Violinkonzerts, ist, wie im Programmheft berichtet, eine begeisterte Kammermusikerin und gleichzeitig, wie man hören konnte, eine durchsetzungsfähige Solistin. Im ersten Konzertsatz war das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solistin noch nicht optimal, die folgenden beiden Sätze bescherten hingegen reinstes musikantisches Glück. Im langsamen Satz fanden Solistin und Dirigent eine wunderschöne gesangliche Linie, nichts war zerdehnt, das "cantabile", "singend" in der Satzbezeichnung wurde ideal erfüllt.

In der Kadenz ließ die Geigerin dann auch ein wenig von ihren virtuosen Qualitäten aufblitzen. Noch schöner war das abschließende Rondeau mit seinen immer wieder anders und spannend eingeleiteten überraschenden Tempowechseln. Der Satz hatte genau jenen Witz, den man sich vorstellt, wenn man an Mozart als jugendliche Persönlichkeit denkt; jedenfalls an den Mozart, der uns überliefert ist.

Als gemeinsame Zugabe von Orchester und Solistin gab es einen gehörigen, vielleicht nicht ganz in die "Jahreszeit" passenden "Sommer"-Gewittersturm als Gruß aus Venedig.

Vor der großen Sinfonie zum Schluss ein kleines Zwischenspiel mit der Uraufführung von Steffen Schleiermachers Orchesterstückchen "Klangrufe 2". Es war kein Materialgefriemel, sondern eine höchst angeregte Unterhaltung zwischen den Instrumentengruppen. Familienszenen gewissermaßen, deren Dialoge man sich - vorabendseriengestählt - gut vorstellen konnte.

1788 entstand die Sinfonie KV 551, die letzte, die Mozart schrieb. Der Londoner Konzertveranstalter Johann Peter Salomon gab ihr den zugkräftigen Namen "Jupitersinfonie". Sie ist das erste "abendfüllende" sinfonische Werk überhaupt, noch vor den "Londoner" Sinfonien Joseph Haydns entstanden. Mit der entsprechenden Kraft des Ausdrucks, mit innerer Höchstspannung und Wachheit wurde sie auch gespielt. Äußeres Zeichen: die Bläser musizierten im Stehen.

Der erste Satz, eine eng geschachtelte Welt von Kontrasten, bot eine Fülle von Ausdrucksgesten. Markante Horn- und Trompetensignale wechseln zu raschen Melodieschleifen der Streicher, zu Seufzermotiven, Flötenkantilenen. Evan Christ setzte auf Straffheit und Energie. Der zweite Satz ist ein langes Singen und Schwelgen, gefolgt von einem Menuett, das deutlich stärker nach dem krassen Tanz aus dem "Figaro" klang als nach höfischer Erheiterung.

Das Finale gehört zu Mozarts Meisterstücken. Er webt einen seinerzeit längst altmodisch gewordenen kontrapunktischen Satz und füllt ihn mit Fantasie. Fünf musikalische Gedanken verschränkt er nach allen Regeln der altväterlichen Satzlehre und schafft gerade damit Farbe, Glanz und Spannung.

Man sah förmlich, wie die Musiker das Gewebe bewundernd durchschauten und mit großer Lust ausmusizierten. Das Publikum spürte dies und applaudierte lange hingebungsvoll.