Diese Spielzeit steht unter dem Motto Familie - wie ordnet sich "Die Orestie" da ein?

Wenn man so will, ist sie eine klassische Familiengeschichte. Wie in allen antiken Stücken geht es um Familienbande - um eine Familienbande im wahrsten Sinne - die Atriden. Sie sind alle mit einem Rachevirus infiziert. Seit Generationen schlachten sie sich gegenseitig, bis zu dem Zeitpunkt, als unser Stück einsetzt mit dem Paar Agamemnon und Klytaimnestra. Agamemnon hatte seine Tochter Iphigenie vor Aulis geopfert, um die Götter gnädig zu stimmen. Die widrigen Winde sollten sich legen, die verhinderten, dass die Griechen nach Troja segeln konnten - um Krieg zu führen. Klytaimnestra rächt sich für den Frevel an der Tochter und tötet Agamemnon. Hier steigen wir in die Fluchkette der Familie ein. Man könnte auch von einem Verhaltensmodus sprechen. Das Stück erzählt, wie er unterbrochen wird.

Es ist eine Geschichte von Mord und wieder Mord - bis zu Orestes. Warum wird der Mord, den er begeht, nicht gesühnt?

Weil er in einem Dilemma steckt. Die Erinyen, Fluchgöttinnen, verfolgen denjenigen, der einen Mord begangen hat oder ihn ungesühnt lässt, treiben ihn in den Wahnsinn. Orestes würde von ihnen verfolgt, wenn er den Mord, den seine Mutter begangen hat, nicht rächt. Tut er das, wird er durch die Fluchgeister der Mutter verfolgt. Für Orestes eine ausweglose Lage. Sie wird durch die Göttin Athene aufgehoben, indem sie die Demokratie einführt. Die Gesellschaft soll Recht sprechen. Die Rache wird delegiert. Damit wird das System von Tat und Reaktion durchbrochen und in eine gesellschaftliche Instanz überführt.

Gibt es im Stück einen, der recht hat, einen, der frei ist von Schuld?

Nein.

Warum bedarf es des Götterspruches, um dem Morden ein Ende zu setzen? Warum trifft keine der Figuren aus sich selbst heraus diese Entscheidung?

Weil sie in ihrer Erfahrungswelt und gesellschaftlichen Konventionen gefangen sind. Es müsste einer von draußen draufgucken, um Verhaltensmuster zu erkennen. In der Antike gab es aber noch keine Psychologie. Die Menschen zu jener Zeit waren so fest in ihrem Mythos verhaftet, dass sie sich gar nicht entziehen konnten. Dazu bedurfte es des göttlichen Anstoßes, einer Kraft außerhalb.

Sie sagen, der Götterspruch schafft Demokratie - in welcher Weise?

Er schafft die Möglichkeit zur Alternative. Vorher hatten die Figuren keine Wahl. Man könnte sich die Götter als Kreative vorstellen, die Situationen völlig neu denken. Es ist fast ein magischer Akt, zu sagen, wir durchbrechen dieses Konzept einfach mal, ihr lieben Menschen. Lernt in Alternativen zu denken.

Es ist viel von Schicksal die Rede, das war nicht nur in der Antike so.

Deshalb sage ich ganz bewusst, "Die Orestie" erzählt was über gesellschaftliche Kontexte, aber eben auch über ganz private. Für das Spielzeitthema "Familie" ist das Stück sehr gut gewählt. Es erzählt ja auch, wie Strukturen sich eingefressen haben in eine Familie, die sich daraus alleine nicht mehr befreien kann.

Blutrache, Vergeltung, Ehrenmord sind Begriffe, die aus unserer modernen Gesellschaft nicht verschwunden sind. 2500 Jahre ins Land gegangen und nichts gelernt?

Politiker sagen immer, Demokratie oder Recht müssen immer neu erarbeitet werden. Ich glaube, der Mensch ist immer versucht, in seiner Entwicklung wieder zurückzufallen auf eine Stufe, von der man glaubt, sie sei längst überwunden. Man hat nie was auf der sicheren Seite - das erzählt das Stück auch.

In der griechischen Tragödie hat der Chor ja eine wichtige Funktion - wie ist das in Ihrer Inszenierung?

Bei uns bilden sieben Schauspieler den Chor, aus dem die einzelnen Protagonisten heraustreten. Das geht auch einher mit einer Theorie, dass am Anfang Theater nur der Chor war. Dann löste sich einer aus dem Chor heraus und das Theater, wie wir es kennen, fing langsam an. In der "Orestie" hat man den Eindruck, dass die Figuren regelrecht herbeigefürchtet oder herbeigesehnt werden aus dem Chor heraus, in den sie auch wieder zurückkehren. Das ist wie eine Gruppe, die eine Art kollektives Gedächtnis darstellt und auch, um sich besser erinnern zu können, eine Figur zur Visualisierung ausstößt.

Bei Aischylos sind zwei Drittel Chortexte, die wir sehr eingedampft haben, weil der Abend sonst neun Stunden dauern würde.

Wie lange dauert er?

Zwei Stunden fünfzig mit Pause.

In der Antike fanden Theateraufführungen in der Arena statt. Was haben Sie mit dem Theater vor?

Von der grundsätzlichen Architektur ist so ein Theater ja an das Amphitheater angelehnt. Wir haben versucht, eine Art Schicksalsraum zu schaffen. Die Figuren leiden ja unter einem Wiederholungszwang. Auf der Bühne findet der in einer Art großem Mühlstein, der sich permanent bewegt, seinen Ausdruck. Der läuft das ganze Stück über, bis er schließlich stoppt.

Sie haben bereits den "Volksfeind" in Cottbus inszeniert. Jetzt die "Orestie". Die Erfahrungen scheinen gut gewesen zu sein.

Ich bin gerne hier. Das sind zwei sehr interessante Stücke, die mir angeboten wurden. Und es ist schön, die Arbeit mit den Schauspielern fortführen zu können.

Mit Christian Schlüter sprach Renate Marschall

Zum Thema:

Stück und Regisseur"Die Orestie" des Dichters Aischylos ist die einzige erhaltene antike griechische Trilogie. Bei der Erstaufführung zu den Dionysien im Jahre 458 v. Chr. in Athen gewann "Die Orestie" den Siegespreis. In Cottbus kommt sie in der Prosaübersetzung von Peter Stein auf die Bühne. Inhalt: Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie. Die Mutter Klytaimnestra tötet deshalb ihren Mann Agamemnon und dessen Geliebte Kassandra. Der Sohn Orestes tötet daraufhin seine Mutter Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos. Orestes - und das ist neu - wird dafür nicht mit dem Tod bestraft.Regisseur Christian Schlüter ist Oberspielleiter, Regisseur am Theater Bielefeld; zuvor seit 1998 freischaffender Regisseur und Lehrbeauftragter am Studiengang Schauspieltheater-Regie in Hamburg.