Der Theatervorhang strahlt Schwarz-Rot-Gold, doch der Musiker, der davor die Nationalhymne mit Mundharmonika und Gitarre intoniert, vergreift sich zunächst und spielt "Auferstanden aus Ruinen". Wenn die aktuell korrekte Nationalhymne erklungen und der Fahnenvorhang hochgeht, wird eine Messie-Wohnungslandschaft enthüllt, auf deren Gebirge aus Wohlstandsmüll im Hintergrund der Schnee rieselt.

"Irgendwo um Berlin … gegen Ende der achtziger Jahre" spielt die 1893 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführte Diebskomödie "Der Biberpelz". Sie gilt als eine der besten deutschen Komödien und wird doch nicht sonderlich viel gespielt. Weil sie als naturalistische Milieustudie und mit ihrer historisch gebunden Sozialkritik (an Obrigkeitsstaat und Sozialistengesetzen) sowohl ästhetisch wie inhaltlich veraltet wirkt. Wer diese Zeitsatire im schlesischen Kunstdialekt in unsere Zeit holen will, muss auch damit leben, dass in diesem Stück die Charakterkomik ein wenig schematisch und die Situationskomik arg umständlich daher kommen.

Herbert Fritsch hat deshalb in seiner zum letzten Theatertreffen eingeladenen Schweriner Inszenierung die Figuren zu zeitlos grellen Comic-Typen überzeichnet. Auch Sewan Latchinian formt sie zu künstlichen Typen, zu komödiantischen Theaterfiguren. Dabei sucht er sie in der uns aus dem Fernsehen bekannten, sich selbstsicher durchwurschtelnden heutigen Unterschicht zu orten und zu erden.

Ersatzkomik zündet nicht

Auf den Dialogwitz des in einem schlesischen Kunstdialekt geschriebenen Stückes, das er in heutiger Alltagssprache sprechen lässt, vertraut der Regisseur dabei nicht. Er setzt auf Spielwitz und erfindet für die Figuren unterschiedlich stimmige neue Typisierungen, vielerlei zusätzliche Macken und etliche komische Situationen.

Diese szenische Ersatzkomik, obwohl oder weil mit viel Kraft vorgetragen, zündet jedoch (noch) nicht sonderlich, - mag sein, dass sich das Ensemble noch besser einspielt. Bei der Premiere tobten noch keine Gelächterorkane, - immerhin wehte aber ein leichter Schmunzelwind durchs Publikum.

Im Zentrum des Stückes und ihrer vierköpfigen Familie steht Waschfrau Wolff. Catharina Struwe gibt sie als pfiffige Kämpferin und bedenkenlose Diebin, die als eine als Sympathieträgerin fungierende Figur daher kommt. Moral besitzt sie nicht, aber viel kriminellen Geschäftssinn, mit dem sie für Haus und Familie agiert. Sie gewinnt das Feilschen beim Verkauf eines gewilderten Rehbocks, sie stiehlt Holz für ihren Ofen und einen Biberpelz auf Bestellung zum Weiterverkauf.

Ihr Mann (Roland Kurzweg) muckt manchmal mit dem Stinkefinger auf, sonst aber sitzt er vor dem Fernseher oder rockt sich auf der Gitarre mit den Beatles durch die Vergangenheit. Die beiden halbwüchsigen Töchter der Familie kabbeln sich unentwegt. Die bedächtige Leontine (Hanka Mark) spricht mit hart kehligem Akzent und wirkt in Kleidung und Aktionen wie eine Muslima, die cool Kaugummi kauende jüngere Adelheid (Inga Wolff)) ist unter ihren modisch mit Perlen besetzten Schnürhaaren dunkelhäutig. Ob von Sonnenbank oder mütterlichem Fehltritt, bleibt offen bei diesem Versuch, Hauptmanns Figuren in unsere Zeit zu holen.

Was beim Amtsvorsteher Wehrhahn (Marco Matthes) einfacher gelingt. Der bei Hauptmann strunzdumme adlige Demokratenjäger, der jemanden, der zwanzig Zeitungen liest, als Terrorist verdächtigt (Eva Kammigan als Doktor Fleischer), aber Mutter Wolffen, die ihre Gaunereien vor seinen Augen verübt, als Muster der Ehrlichkeit lobt, wird zum faulen, von seinen Besuchern genervten einfachen Beamten.

Er arbeitet mit Schnüfflern wie Familie Motes (Friedrich Rößiger und Juschka Spitzer als bösartige Schmarotzer im Jogging-Outfit) gern zusammen, während er vom Beschwerdeträger Krüger nur genervt ist. Heinz Klevenow spielt diesen Rentier mit Stock und Wut und nutzt den Sprechfehler seiner Figur zu souveräner Komik. Während Alexander Wulke als (hier russischer) Schiffer eine Umbaupause zu einem witzig derben Lied zur Balalaika nutzt, - mit Reimen über das Kacken . . .

Die Simultanbühne von Tobias Wartenberg integriert den Schreibtisch der Amtsstube in das Durcheinander der Wolffschen Wohnstube. Dort blinkt auf riesiger Tiefkühltruhe eine neue Mikrowelle, Matratzen liegen auf dem Boden, und im Hintergrund türmt sich ein Gebirge aus Wohlstandsmüll, auf den Frau Wolff gelegentlich mit Schwung weitere Müllbeutel schleudert.

Durch diese Landschaft stöckelt mit Hüftschwung aber auch eine Figur, die es so bei Hauptmann nicht gibt: Aus dem Amtsschreiber bei Hauptmann ist mit der tollen Sybille Böversen eine ihren Chef vergeblich mit Hüftschwung und Gestöckel umcircende ältere Sekretärin geworden, bei der jeder Gang ein running gag ist. Dagegen wirkt der schön rotnäsig verknautschte Amtsdiener (Benjamin Schaup) so hilflos und blass, wie es sein muss. Und so triumphiert die Unehrlichkeit, indem Mutter Wolff am Schluss als ehrliche Frau dasteht.

Kein Abend in Senftenberg, über den man jubeln kann. Aber auch kein Abend, über den man schimpfen muss. Sondern ein redlicher, engagierter Versuch, eine alte Komödie neu zu beleben.

Weitere Vorstellungen: Am 6. und am 28. April, jeweils 19.30 Uhr.