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| 14:01 Uhr

Burg
Guten Morgen, du Glückliche

Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth lesen in der Burger Bleiche aus ihrer Porträtsammlung.
Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth lesen in der Burger Bleiche aus ihrer Porträtsammlung. FOTO: Peter Becker
Burg. 40 Jahre nach Maxi Wander stellen Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth in Burg ihre Gesprächsprotokolle vor. Von Renate Marschall

Ein lauer Sommerabend in der Bleiche in Burg, an dem ein Stück Geschichte noch einmal lebendig werden soll. Der Schriftsteller John von Düffel leitet ihn ein, wie er auch in dem Buch, aus dem an diesem Abend gelesen wird, das Vorwort geschrieben hat. Vielleicht sei es gut, dass es so lange gedauert hat, bis dieses Buch erschien, mutmaßt er. 40 Jahre nach Maxi Wanders Gesprächsprotokollen „Guten Morgen du Schöne“, die Frauen in der DDR zutiefst bewegten hatten, später auch im Westen. So authentisch, so ehrlich war das, was Frauen verschiedener sozialer Herkunft damals von ihrem Leben und Lieben erzählten.

Zugleich zeichneten sie damit ein Spiegelbild ihres Landes, das den realen Sozialismus ungeschminkt real zeigte. Ein Kultbuch, so wie „Die Legende von Paul und Paula“ ein Kultfilm war. Beide trafen mitten ins Herz, setzten Selbstbefragungen in Gang.

Nicht nur angeregt vom Jubiläum, sondern wohl auch, weil die Schauspielerinnen Monika Stenzel und Ulrike Jackwerth von den so oft auf der Bühne gesprochenen Texten nicht loskamen, machten sie sich auf Spurensuche. Was erzählen Frauen heute über ihr Leben? Wie ist es ihnen ergangen, die heute Mütter und Großmütter sind, und wie schauen junge Frauen, die die DDR nur noch vom Hörensagen kennen, auf diese Lebensläufe, was ist vielleicht sogar auf sie übergegangen? Ulrike Jackwerth ist Österreicherin wie Maxi Wander, geboren in der Wiener Neustadt, Monika Stenzel stammt aus Halle an der Saale. In ihrem Umfeld fanden sich die Interviewpartnerinnen, die in „He, du Glückliche!“ zu Wort kommen.

Es wird fast eine szenische Lesung, weil die beiden Schauspielerinnen die unterschiedlichen Frauen mit ihrer Stimme lebendig werden lassen und auch, weil nicht Porträt für Porträt gelesen wird, sondern Textstellen jeweils Themen zugeordnet werden. Da erzählt die 80-jährige Doris über die DDR, wie sie war, von den Jahren des Aufbruchs nach dem Krieg: „Ein Land neu aufbauen, was für eine tolle Sache.“ Bis die Ernüchterung eintrat, „der Fortschritt schritt auf der Stelle“. Eva (35) erinnert sich, wie sie ihr Fahrrad aus dem Westen nicht in den Kindergarten mitbringen durfte. „Eigentlich gab es in der DDR auch eine Art Klassengesellschaft: die mit Westverwandten und also Geschenken und die ohne und also ohne Geschenke.“ Und sie beschwört den Geruch der West-Pakete herauf – nach Kaugummi. Das weckt hörbar auch bei einigen Zuhörern Erinnerungen.

Die Liebe vor dem Mauerfall hält berührende wie amüsante Momente bereit. Barbara (54) weiß noch, wie sie sich in einen viel jüngeren Mann verliebte. „Er machte mir auf eine so rührende Art den Hof, dass ich begann, ihn mit anderen Augen zu sehen.“ Für ihre Tochter wurde er ein Vater, und der gemeinsame Sohn sei inzwischen auch schon 17.

Es geht um die erste Liebe, aus der meist nichts wurde und die zweite oder dritte, die glücklich machte. Und manchmal geht irgendwie gar nichts, selbst wenn man sich eine Liste macht, um den Nächsten auf Herz und Nieren zu prüfen wie die 38-jährige Claudia: Wie wohnt er? Ist er ordentlich? Ist der Kühlschrank sauber? Was hat er für einen Beruf? Könnte er eine Familie ernähren? Will er Kinder haben? Kann er sich ein Auto leisten? Wie viele Frauen gab es vor mir? – nur eine Auswahl. Claudia taucht auch an anderer Stelle auf, mit ihrer Geschichte als beginnende Leistungsschwimmerin und Pillen am Beckenrand.

Auffällig oft erzählen Frauen von früher Schwangerschaft und der Normalität, eine alleinerziehende Mutter zu sein, auch mitten im Studium. Es geht um den Mauerfall und die Euphorie: am 9. November über die Grenze rennen, wildfremde Menschen umarmen, Freunde besuchen, die ausgereist waren. Die Jüngeren berichten von den vielen neuen Möglichkeiten, die sich ergaben, und die Jungen können sich nicht nicht vorstellen, in einem System zu leben, in dem alles reglementiert wird.

Dass einige der Interviewten verwandt sind, macht es interessant, weil Lebenslinien sichtbar werden, angenommene oder abgelehnte Prägungen. Viele der Gesprächspartnerinnen kommen aus dem Umfeld von Monika Stenzel, wie sie erklärt. Es sind oft studierte Frauen, die es gut über die Wende geschafft haben. Was ein bisschen fehlt, sind die Verlierer. Frauen, die vor der Wende in Leuna oder Buna eine gut bezahlte Arbeit hatten und seit Jahren von Hartz IV leben. In Halle-Neustadt wären sie sicher zu finden. Aber dann hätte der Titel auch nicht mehr gestimmt.

„He, du Glückliche!“ bietet viele interessante, emotionale Einblicke in fremde Leben und erstaunliche Parallelen zum eigenen. Das liest sich.