Zwischendurch war sie sich nicht ganz sicher, ob das auch klappt. Da hat sie sich mal kurz auf Opas Schoß geflüchtet, die Ohren oder Augen zugehalten. Doch das hat nicht lange angehalten. Dafür war es zu spannend auf der Theaterbühne.

"Der Mondmann war ziemlich gruselig", sind sich auch die Mädchen aus der Evangelischen Grundschule Finsterwalde einig. "Dieser Riesenkopf", sagen sie und ziehen dabei große Kreise mit den Armen und reißen die Augen weit auf. Dennoch: Es könnte Spaß machen, die Geschichte nachzuspielen, meint Emily aus der zweiten Klasse.

Mitten im Kinderzimmer

Genug Anregung dafür bekommen die jungen Zuschauer des Weihnachtsmärchens 2016 allemal. Noch während sie sich ihre Plätze im Theatersaal suchen, sind Peterchen (Wolfgang Tegel) und Anneliese (Alrun Herbing) bereits auf der Bühne dabei, ihre allabendlichen Einschlafverzögerungstaktiken mit Toben und Necken in ihren Hochbetten auszuleben. So fühlen sich die Zuschauer gleich wie zu Hause, als plötzlich der Maikäfer Sumsemann (Eva Kammigan) durchs Fenster brummt. Der ist - wie viele Generationen vor ihm - auf der Suche nach zwei Kindern, die freundlich und rücksichtsvoll mit Tieren umgehen. Denn nur solche können ihm dabei helfen, sein sechstes Beinchen, das ein Holzdieb seinem Ur-Ur-Ur-Großvater und damit allen folgenden Generationen abgeschlagen hatte, zurückzuholen. Dafür müssen alle drei zum Mond, denn dorthin hat die Nachtfee den Dieb verbannt, der nun zum bösen und somit gruseligen Mondmann geworden ist.

Auf der Reise werden nun die Kinder nicht nur etliche Widerstände überwinden, sondern auch immer wieder den überängstlichen Herrn Sumsemann ermutigen müssen. Oder ihn aus der Ohnmacht erwecken, in dem sie ihm Schokolade, die er eklig findet, unter die Nase halten. Dabei erweist sich besonders Anneliese als unerschrocken und belegt so ganz nebenbei, dass der Titel der poetischen Geschichte von Gerdt von Bassewitz "Peterchens Mondfahrt", die 1912 in Leipzig erstmals aufgeführt worden ist, der modernen Fassung von Philipp Löhle eigentlich gar nicht mehr (gender-)gerecht wird, sondern nur noch der Tradition halber durchkommt.

Fantasie anregen

Alrun Herbing und Wolfgang Tegel sind beim kleinen Publikum jedenfalls schnell als ihresgleichen akzeptiert, ohne sich anbiedern zu müssen. Sie werden wie auch Eva Kammigans Sumsemann angefeuert oder gewarnt, so wie es zu einem richtigen Theater für Kinder gehört. In der kampflustigen Anneliese hat sich wohl manche(r) wiedererkannt, und in Peterchen, der im chaotischen Kinderzimmer nur noch einen Stiefel findet, auch. Und wer vor lauter Angst keinen Spaß mehr an Abenteuern hat, lernt wie Herr Sumsemann, dass man sich auch mal etwas trauen muss.

Liebevoll, witzig und ein wenig hintergründig sind die zehn Figuren, die Simon Elias (Sternchen, Nachtvetter, Bär), Daniel Borgwardt (Sternchen, Nachtfee, Weihnachtszwerg, Kanonier) und Friedrich Rößiger (Sandmann, Weihnachtsmann, Mondmann) zu spielen haben - und nebenher noch aus der Soundecke den Ton angeben. So agiert Simon Elias mit körperlichem Einsatz als Nachtvetter, der die Elemente Donner, Sturm, Schnee, Blitz, Eis und Regen darstellt und dabei den Kindern ganz nebenbei zeigt, wie das mit Topf, Papier, Gießkanne oder Duschhaube auch jeder von ihnen bewerkstelligen könnte.

Die Fantasie der Kinder anzuregen, haben sich Regisseurin Samia Chancrin ("Wolfs Welt", "Birkenbiegen") und Ausstatter Andreas Hartmann ("Die Antigone des Sophokles", "Maria Stuart") mit ihrem Team bei dieser Senftenberger Inszenierung wohl zur Aufgabe gemacht. Fast alles, was für die Kostüme oder Requisiten nötig ist, findet sich in jedem Kinderzimmer bzw. Haushalt. Und der Rest entsteht in den Gedanken. Zum Beispiel, wie man einfach nur tanzend zum Mond fliegen kann, und dass auf der Weihnachtswiese Geschenke und Süßigkeiten wachsen.

Etwas zu viel Dialog

Das zwar klassische, aber doch nicht so im Gemeingut verinnerlichte Märchen wie eines der Gebrüder Grimm, hat das Zeug für die eigene fantastische Traum-Reise zum Mond. Das haben die Senftenberger Theaterleute gezeigt, auch wenn die Inszenierung für die Aufnahmefähigkeit einiger kleiner Zuschauer trotz Verdichtung der Urfassung etwas zu viel Dialog geboten hat. Statt dessen hätte sie gern noch ein oder zwei Lieder, für die Mirko Warnatz die eingängige Musik geschrieben hat, vertragen können.