ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:42 Uhr

Mit Rosinen im Kuchen – Perlen im Sektglas

Gastsopranistin Nicole Chevalier (M.) vermag es, mit einer einzigen Arie eine Theaterfigur charakteristisch lebendig zu machen.
Gastsopranistin Nicole Chevalier (M.) vermag es, mit einer einzigen Arie eine Theaterfigur charakteristisch lebendig zu machen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Der eine Amerikaner wohlbekannt: Evan Christ. Die andere Amerikanerin ein Gast, Star der Berliner Komischen Oper, Nicole Chevalier. Zum Jahreswechsel gab es am Staatstheater Cottbus die zweite Auflage von "Zwei Amerikaner in Cottbus". Irene Constantin

"Amüsante Arien und Filmmusik soll es geben", sprach ich zu meinem braven kleinen Auto, das nicht anspringen wollte. "Sag mal ein paar", raspelte schlaff der Anlasser. "Na Mimi, ‚Man nennt mich nur Mimi‘", sprach ich. Müde flappten die Scheibenwischer. "Una voce poco fa, Rossini, Belcanto", versuchte ich zu locken. Die Scheinwerfer schlossen die Lider. "Und Verdi, Traviata, E'strano?" Ich verstummte. Elizas "I could have danced all Night", Rosalindes Fledermaus-Czardas, "Glitter an be Gay" aus Leonard Bernsteins "Candide" erwähnte ich gar nicht erst. Nicht einmal "Somewhere over the Rainbow".

Am Ende würde das bockige Biest noch die Luft aus den Reifen lassen. "Kann jeder einzelne Kolben schon mitsingen", hörte ich den Kleinen unangenehm schnarren. Dann fiel mir jedoch noch etwas ein. Cinemascopische Filmsounds waren ja auch versprochen. "Ben Hur, 1959, elf Oscars, Musik von Miklós Rózsa, Rudersklaven auf der Galeere, Entergeschwindigkeit, entfesselte Pauken", trumpfte ich auf. Rumms, schnurr, beendete der Motor seinen Streik.

Trotzdem musste Habakuk am Cottbuser Schillerplatz draußen warten. Zur Strafe.

Dem Fremden genau zuhören

Wie hart sie war, konnte er ja nicht hören. Schon bei den "Glorreichen Sieben" galoppierten die wilden Mustangs, dehnte sich die Prärie, und das ganz ohne Winnetou. Unheimliche akustische Begegnungen folgten. John Williams war 1977 für jede musikalische Überraschung der dritten Art gut. Moderne Musik in diesem Film, der vor genau 40 Jahren schon wusste, dass man dem Fremden erst einmal genau zuhören soll.

Und noch mehr Filmmusik und originelle Soundtracks, zum Beispiel aus der Endlos-Serie "Hawaii Five O", Pink Panther und James Bond.

Das Überraschende an all diesen Filmmusiken ist, immer wieder anders, immer wieder frisch und eindringlich zu klingen, wenn die Bilderflut sie nicht überdeckt. Und natürlich kann es keine Studio-Perfektion, kein noch so ausgefeilter Surround-Klang mit einem unplagged-Konzerterlebnis mit einem großen Sinfonieorchester auf offener Bühne aufnehmen. Wie sich die Musiker ins Zeug legten, riss einfach mit. Von der Pauke sprach ich schon, aber auch Flöte und Saxofon im pinken Panther spielten hinreißend. Vom Cello in der "Traviata" gar nicht zu reden. Womit wir bei den Rosinen im Kuchen, was sage ich, bei den Perlen im Sektglas, nein, bei den schönsten Brillanten in der ganzen Schatzkiste wären. Zunächst Daniel Garlitzky, der Konzertmeister und Meistergeiger des Orchesters, ein Typ, der sofort losfliegen könnte, mitten hinein in die Himmel Marc Chagalls. Sein Russischer Tanz aus Schwanensee war ein atemverschlagendes Virtuosenstück, dabei voller Seele.

Was weiß ein Auto von Musik?

Emotion und Virtuosität - der Geiger hat sie zwischen Finger und Bogen, Nicole Chevalier in ihrer Kehle. Was hat die ahnungslose Blechkiste da draußen über abgesungene Galakonzert-Nummern gesagt? Was weiß ein Auto von Musik? Zu erleben war eine Stimme zum Jubeln, ein Geschenk zur puren Freude. Kraft, Höhe, Energie, zarteste Nuancen. Am erstaunlichsten ist Nicole Chevaliers Fähigkeit, mit einer einzigen Arie eine Theaterfigur charakteristisch lebendig zu machen. Traviata in ihrer Gewissensbefragung, die kleine heitere Mimi, die überdrehte Kunigunde aus "Candide". Welche Koloraturen, welche rasante Virtuosität! Selbst die etwas abgelagerten Perlen aus dem "Zauberer von Oz" und "My fair Lady" glänzten wie verrückt.

Frau Gabi S. aus Cottbus, im Konzert mit ihren beiden Söhnen David und Philipp sowie Gina fanden die modernen Filmmusiken am besten sowie "Somewhere over the Rainbow". Und das erste Lied in Deutsch, weil man mal den Text verstand, "Klänge der Heimat", Johann Strauß, Fledermaus. Und noch eine Stimme aus dem Publikum: "Hach", dahingeseufzt, als Evan Christ auftrat. Er war auch toll.

Habakuk schon wieder beleidigt, jetzt, weil er nicht zuhören durfte. Trotzdem gleich angesprungen.