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| 16:27 Uhr

Mit Lesung in Hoyerswerda: Rudolf Hamburgers Erinnerungen an „Zehn Jahre Lager“ im Gulag

Hoyerswerda. Die Dichterin Brigitte Reimann hat ihn gemocht. In ihrem Buch „Franziska Linkerhand“ porträtiert sie ihn liebevoll in der Gestalt von Landauer.

Rudolf Hamburger gehörte zum Aufbaustab von Hoyerswerda. Über seine Erlebnisse im sowjetischen Gulag aber schwieg er. Mehr als 30 Jahre nach dem Tod des Architekten gelangen nun seine Erinnerungen an die Öffentlichkeit. Am 19. November liest sein Sohn Michael in Hoyerswerda aus "Zehn Jahre Lager".

Von Ida Kretzschmar

Für eine neue Gesellschaft wollte er Häuser bauen. Anfang der 60er-Jahre hat er dann tatsächlich versucht, in Hoyerswerda seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Die Typenbauten werden ihm bald die letzten Illusionen geraubt haben. Wie oft hat er mit der Schriftstellerin Brigitte Reimann, die in Hoyerswerda Stoff für ihren Lebensroman "Franziska Linkerhand" fand, über den Aufbau der neuen Stadt diskutiert, bevor er sich 1963 in den Ruhestand zurückzog. Im Buch wird er als welterfahrener sanfter Landauer verewigt, der "eine Stadt bauen wollte, die den Bewohnern mehr bietet als einen Raum, in dem man Tisch und Bett aufstellen kann."

Von seinen bitteren Erlebnissen in den sowjetischen Lagern wusste nicht einmal sein Sohn Michael Genaueres. Am ehesten wohl noch Richard Paulick, beide studierten gemeinsam Architektur. Ihre Lebenswege kreuzen sich immer wieder. Hamburger verdankt Paulick, 1955 Vizepräsident der Deutschen Bauakademie, die Rückkehr aus seinem letzten ukrainischen Verbannungsort in die DDR. Und er wird sein Nachfolger in Hoyerswerda, wo Richard Paulick von 1958 bis 1961 als Chefarchitekt wirkt.

Am Ende seines Lebens beginnt Rudolf Hamburger, seine Erinnerungen aus dem sowjetischen Gulag aufzuschreiben. Wahrscheinlich kann er sich dabei auch auf Lagernotizen stützen, die er heimlich herausgeschmuggelt hat, vermutet sein Sohn, der das Buch zum 90. Geburtstag seines Vaters im Siedler-Verlag herausbrachte. Schon in den 1970er-Jahren habe es Versuche gegeben, es im Westen zu verlegen, weiß Michael Hamburger. Ohne Erfolg, der Boom an Lager-Literatur war schon verebbt.

Als ob es eine Konjunktur von Mitfühlen und Mitleiden gäbe! Schonungslos, beinahe minutiös erzählt Rudolf Hamburger, wie er als vermeintlicher Doppelagent in die Fänge des sowjetischen Gulags gerät. Wobei er klarstellt, dass Gulag ursprünglich einfach die Abkürzung für Hauptverwaltung der Lager war. Hamburger war ein deutscher Kommunist, der dem Beispiel seiner Frau (bekannt geworden durch das Buch "Sonjas Rapport") folgte und im antifaschistischen Widerstand für den Geheimdienst der Roten Armee arbeitete. Als seine Tarnung auffliegt, sucht er Schutz im Land des erträumten Kommunismus und landet in der schäbigen Realität aus Terror und Verrat. Er wird verurteilt, ohne einen Verteidiger zu Gesicht zu bekommen, und von Lager zu Lager getrieben. Hamburger leidet Höllenqualen unter dem Hunger, auch nach geistiger Kost, wird von Wanzen zerbissen und mit Flüchen übersät. Mit Mördern und Schwerverbrechern löffelt er nicht nur gemeinsam die Suppe aus, als Politischer steht er sogar noch tiefer als jeder Krimineller. Das Buch ist ein bedrückendes historisches Zeugnis, aber auch überaus berührend in seiner nicht zerstörbaren Hoffnung auf Menschlichkeit.

Am 19. November, 19 Uhr, lädt der Kunstverein Hoyerswerda ins Schloss ein: Michael Hamburger aus Berlin liest aus den Erinnerungen seines Vaters Rudolf.

Rudolf Hamburger. Zehn Jahre Lager, 230 S., 19,99 Euro.