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Mit Küssen besiegt

Ist in seinen Motiven sanfter geworden: der Cottbuser Maler Hans Scheuerecker in seiner Schau "Lia Ànima".
Ist in seinen Motiven sanfter geworden: der Cottbuser Maler Hans Scheuerecker in seiner Schau "Lia Ànima". FOTO: MOZ/Thomas Klatt
Dresden/Cottbus. Der Brandenburgische Kunstpreisträger Hans Scheuerecker überrascht mit einer Ausstellung in der sächsischen Landeshauptstadt Thomas Klatt

(MOZ) Kann man den Strich noch verknappen? Die Linie verkürzen? Die Form vereinfachen? Hans Scheuerecker kann es und er tut es. Seit mehreren Jahren hat der zweifache Brandenburgische Kunstpreisträger wieder eine Ausstellung. "Lia Ànima"heißt sie; die Galerie Ines Schulz in Dresden richtet sie für ihn aus. Die ist gut platziert - zwischen Goldenem Reiter und Dreikönigskirche, in einem Viertel, das sich auf neu-barocke Art schick gemacht hat, aber von naserümpfender Düsseldorfer Noblesse zum Glück weit entfernt ist.

Galeristin Ines Kübler-Schulz führt hier seit nahezu 20 Jahren eine Privatgalerie, in der sie sich gegenwärtig um 12 Künstler kümmert und sie nahezu freundschaftlich betreut. "Meine Künstler bekommen alle zwei Jahre eine Einzelausstellung" sagt Kübler-Schulz. Auffällig ist: mehrere in Brandenburg bekannte Künstler wie Reinhard Stangl, Hans Scheib, Peter Hermann sind darunter.

Und jetzt auch Hans Scheuerecker. Der gebürtige Thüringer lebt seit 46 Jahren in Cottbus. Seit Ende der siebziger Jahre erarbeitet er sich hart den Ruf des "Jungen Wilden" - mit Malaktionen und großformatigen Bildern, mit denen er sich aber bald von der gegenständlichen Malerei verabschiedet, dem Räumlichen und der Perspektive ade sagt und bald seinen eigenen Stil findet. "Less is more - weniger ist mehr" - den programmatischen Satz des englischen Bildhauers Henry Moore macht er zu seiner Kunst- und Lebensauffassung. Geprägt ist er vom Franzosen Henri Matisse ebenso wie vom deutschen Expressionisten Max Beckmann. Den Dresdner Maler Stefan Plenkers, der sich, trotz angeschlagener Gesundheit, die Vernissage nicht nehmen lässt, nennt er von Beginn an seinen Meister.

"Ich bin kein abstrakter Maler, ich abstrahiere", sagt Scheuerecker seit vielen Jahren. Das zeigt er in Dresden nun auf eine weiterführende Art. Er verdichtet Chiffren, verknappt Zeichen, zerlegt die Form und setzt sie wieder zusammen. Da ist Chaos und Ordnung, Spiel und Struktur, Phantasie und Geometrie in einem. Wer die Bilder sieht, ist zur Denkleistung aufgefordert. Und wieder ist Eros mit dabei. Ein Mund wird zur Scham, aus der Augenbraue ein intimer Haarstrich. Körperöffnungen und ihre Gegenstücke sind angedeutet, aber nicht ausformuliert. Ein weißer Rhombus wird zur Vulva, teilt das Unterbewusstsein des Betrachters mit.

Doch solche Motive dominieren nicht wie in früheren Zeiten. Das ist das Neue an Scheuereckers zumeist großformatigen Werken, die allesamt in den letzten Jahren entstanden sind: sie sind nicht mehr Ausdruck eines Widerspruch nicht Duldenden, sondern sind sanfter geworden, fast, als wäre da Liebe im Spiel. Und als würden sie um Nachsicht bitten für die hinterlassenen Kränkungen an Freund und Feind."Lia Ànima" heißt die Schau, in der er sich mit vielen Bildern mit dem Film "Nymphomanic" von Lars von Trier auseinandersetzt. Der Regisseur erzählt darin die Geschichte einer Frau, die Liebe und Sex gleichermaßen sucht, beides auslebt und wieder verliert. Das sind nun auch immer Scheuereckers Themen gewesen: Lebenslust und Lebensgier, Verzweiflung, Hingaben, Obsessionen und ewiges Suchen.

Mit dem Ausstellungstitel macht es Scheuerecker dem Publikum nicht leicht. Anima bedeutet nach lateinischer Übersetzung die weibliche Form der Seele. Die Spanier setzten mit ihrem Begriff "Ànima" noch eine Triebhaftigkeit hinzu, weiß Laudator Jörn Merkert, früherer Chef der Berlinischen Galerie. Lia ist ein Vorname und meint eine unbekannte Schöne auf einem Bild, das auch den Namen trägt. Als Momo Kohlschmidt (Momo), eine frühere Wegbegleiterin, für den Künstler ein vertontes Gedicht von Elsa Lasker-Schüler singt, blitzen noch einmal die Achtziger auf. Jene hedonistischen Jahre mit ewigen Partys und Atelierfesten, bei denen sich die Götter Amor und Bacchus verbrüderten. "Weißt du, dass du gefesselt liegst / In meiner wilden Fantasie…/ Damit du mich mit Küssen besiegst / In den schwarzen Nächten, in der Dämm'rung früh", singt Momo. Der mitgereisten Freundesschar gefällt das ebenso wie den Dresdner Geschäftskunden im feineren Zwirn und für einen Moment hält das Dresdner Barockviertel inne. Die Vernissage - die Ausstellung ist in zwei Räumen auf beiden Seiten der engen Straße zu sehen - findet mittlerweile draußen statt. Man könnte auch Party dazu sagen. Gefeiert wird das erfolgreiche Comeback eines streitbaren und verbal rauflustigen Brandenburgischen Künstlers, der, wie er sagt, "alles sein will, nur nicht die Regel".

Lia Ànima, Galerie "Ines Schulz", Obergraben 21, Dresden, bis 7. Oktober, Telefon: 0351 8012243, Mo bis Fr 11-19 Uhr, Sa 11 bis 16 Uhr