Es ist ein freundlicher, ein interessierter Blick. Erich Schutt hat nie nur auf die Schnelle ein Bild gemacht, immer wollte er wissen, wer die Leute sind, die er da fotografiert, was genau sie gerade tun und möglichst auch warum. Und so weiß der 84-Jährige bis heute, wer auf den Fotos ist und unter welchen Umständen sie entstanden. Eins zeigt das in Aufbau befindliche Vetschauer Kraftwerk, aufgenommen aus der Vogelperspektive. Die Kühltürme sehen wie umgestülpte Blumentöpfe aus, der Blick reicht in die Landschaft, veranschaulicht die Dimension. Im Vordergrund zwei Bauarbeiter, auf gleicher Höhe wie der Fotograf. "Ich wollte Menschen mit auf dem Bild haben", erzählt Erich Schutt. "Also habe ich gewartet, bis auf dem 150 Meter hohen Schornstein die Leuchtfeuer angebracht wurden. Mit den beiden Monteuren bin ich dann über die Steigeisen nach oben geklettert." Ein bisschen traurig fügt er hinzu: "Ich habe auch fotografiert, als der Schornstein gesprengt wurde."

Sehr modern in der Bildsprache sind Fotografien vom Kraftwerksbau in Lübbenau. Menschen wie hineingetupft in grafische Strukturen. Ein Bild, das zum Philosophieren einlädt. Manch einem wird es bekannt vorkommen - ein solches Motiv diente als Schutzumschlag für Erik Neutschs Roman "Spur der Steine". Ein anderes zeigt eine Menge diskutierender Arbeiter. Einer hat den Helm in den Nacken geschoben, scheint der Wortführer zu sein. Der Fotograf erinnert sich noch, worum es ging: "Die Männer sollten ausgezeichnet werden. Zum Schichtwechsel waren sie zusammengekommen, um darüber zu diskutieren, ob sie ihre Frauen zur Feier mitnehmen sollten, oder lieber nicht." So entstand ein Brigadebild, das eben kein typisches Brigadebild war. Ein Gespür für den richtigen Augenblick, das ist es, was die Bilder so spannend macht. Hier ist nichts inszeniert, geglättet, überhöht. Die Wirkung speist sich aus der Bildsprache. Das ist auch so bei den Aufnahmen aus den 50er-Jahren, als Erich Schutt schon als Bildreporter für die LR unterwegs war. 1953 hatte er als Erster seiner Zunft bei der Zeitung angefangen. "Die Redaktion war gerade aus Bautzen nach Cottbus gezogen, nur, einen Bildreporter mitzubringen, hatten sie vergessen", kommentiert er. Erich Schutt hatte zuvor schon für die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten fotografiert.

Viele der Fotografien, die jetzt im Vetschauer Schloss gezeigt werden, sind Leihgaben des Wendischen Museums Cottbus, die dort nach der großen Ausstellung 2012 als Dauerleihgaben verblieben. Für andere Bilder ist der Fotograf tief in sein unüberschaubares Archiv eingetaucht, hat alte Rollfilmnegative, zum Teil aus den späten 40er-Jahren, gesichtet. Die Bilder sind zum ersten Mal zu sehen - eine Reminiszenz an seine Heimatstadt. Auf ihnen sind Familienangehörige, Nachbarn, Freunde abgebildet. Und doch sind es nicht einfach nur Familienfotos. Jedes erzählt eine Geschichte, ganz unabhängig davon, dass da ein Onkel abgelichtet ist. Ein Lokführer inmitten von Hühnern - ein bisschen Landwirtschaft sicherte so kurz nach dem Krieg das Überleben. Oder der Vater, der als Fahrdienstleiter auf dem Vetschauer Bahnhof die Kelle hebt. Man sieht den korrekten Beamten - "so war er", bestätigt der Fotograf. Diese frühen sind Vetschauer Bilder und doch repräsentativ für das Leben im Nachkriegsdeutschland. Wenn etwa auf dem Marktplatz noch die Trümmer liegen oder ein kleiner Junge ein Brot wie einen Schatz trägt. "So ein Brot war damals ein wirklich ein Schatz, die Bäckersfrau hatte es dem Jungen geschenkt, damit die Familie nicht so hungern muss", erinnert sich der Fotograf. Damals lernte Erich Schutt in der noch immer ortsansässigen Drogerie Petzold Drogist, wozu fotografieren und Bilder entwickeln gehörte. Das war es wohl vor allem, das den "jungen Burschen" interessierte. Hier lernte er auch seine spätere Frau Anneliese kennen, die ihn unterstützt und über Jahrzehnte seine Fotografien durch den Entwickler zog. Viele Kollegen, Freunde und vor allem viele Vetschauer waren zur Ausstellungseröffnung gekommen. Bürgermeister Bengt Kanzler würdigte den bekannten Sohn der Stadt, dessen andauernde Verbundenheit zu seiner Heimat, wovon auch die Ausstellung zeuge. Unter den Gästen war der eine oder andere, der sich auf Bildern wiederfand, wie Hannelore During, die gleich zweimal als kleines Mädchen verewigt ist. Auch Thomas Petzold, Enkel von Schutts Lehrherren und heute Drogerie-Chef, hat viele Geschichten gehört, wenn sich sein Vater Rudolf und Erich Schutt trafen. "Sie waren eng befreundet, hatten zur gleichen Zeit gelernt", weiß er.

Das Flüchtige festzuhalten, Augenblicke aufzubewahren, deshalb hat Erich Schutt begonnen zu fotografieren - es hat ihn mit seinem unverfälschten Blick zu einem wichtigen Chronisten des Lebens in der Lausitz gemacht. Von der Nachkriegszeit bis ins Heute - denn nach wie vor finden sich qualitätvolle Fotos mit dem Signum Erich Schutt in der LR.

PS: Wer Lust hat, mit Erich Schutt über seine Fotografien zu sprechen, hat dazu bei einer Ausstellungsführung am 30. Juni um 15 Uhr im Vetschauer Rathaus Gelegenheit.