Vielleicht kommen sie ja zu Fuß aus Berlin, mutmaßt schmunzelnd eine Frau aus der dritten Stuhlreihe, als die Gäste sich verspäten. Als sie dann Hausherr Rochus Graf zu Lynar noch im akademischen Viertel in der Orangerie willkommen heißt, mit deren Eröffnung vor zehn Jahren auch die Lesart begann, spricht er vom Brandenburg-Express, der nicht so schnell sei. Auf den noch nicht eröffneten Flughafen kann ja ohnehin niemand vertrauen.

Aber die kleine Verspätung ist schnell verziehen, denn die Literaturfreunde werden gleich zu Beginn auf ein Glas eingeladen, um auf zehn Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit in der Lausitzer Lesart anzustoßen. "Die RUNDSCHAU brachte uns zusammen", erinnert sich Rochus Graf zu Lynar. Und er gratuliert dem Brandenburgischen Literaturbüro, das seit nunmehr 20 Jahren Literatur im Land fördert. Viele prominente Literaten, Journalisten, Publizisten und Politiker waren in den vergangenen zehn Jahren zu Gast im Schloss Lübbenau. "Kultur macht eine Landschaft erst reich, deshalb muss um sie gekämpft werden", sagt der Hausherr.

Dank und Ermunterung auch an das Stammpublikum, das sich jetzt ein wenig beschwingt ganz den Wanderungen widmet. Die Autoren Björn Kuhligk und Tom Schulz leben beide seit Jahren in Berlin. Doch obwohl der Nachname des 39-jährigen Björn Kuhligk in der Niederlausitz ziemlich häufig vorkommt und wohl wendische Wurzeln hat, wie Graf Rochus zu Lynar bemerkt, ist er in Westberlin groß geworden. Tom Schulz, Jahrgang 1970, ist in der Oberlausitz geboren und lebt seit Ewigkeiten in Berlin. Eigentlich ist er aber Sachse, wie er deutlich hervorhebt. Den Spreewald kannte er also nicht nur von Klassenfahrten.

Gemeinsam aber waren sie vor anderthalb Jahren schon einmal an diesem Ort, erzählen die beiden. Eigentlich wollten sie in den Frühling wandern, wurden indes von "weißen Ostern" überrascht. Wie sie durchgefroren mit den Rädern an den Kanälen entlangfuhren und sich schließlich im Schloss aufwärmten, das ist im Buch dokumentiert. Das Kapitel aus dem Spreewald aber werden sie hier nicht lesen: "Den Spreewald kennen Sie doch selbst am besten", kündigen die beiden gleich zu Beginn an und lassen sich auch später nicht erweichen, als Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro am Ende noch nach einer Spreewald-Zugabe fragt.

Stattdessen landen sie mit dem richtigen Einkehrschwung in einer Neuruppiner Kneipe aus dem Jahre 1921, was bei Herausgebern einer Kneipenbuchreihe wohl nicht anders zu erwarten ist. Humorvoll betrachten sie das Denkmal, in dem man Bier trinken kann. Und schauen genüsslich dem Volk aufs Maul, wie es einst Luther pries. Genauer, dem Brandenburger, dem sie sich vorsichtig, aber auch respektlos nähern, wie sie im Gespräch mit Katarzyna Zorn zugeben.

Wobei sie sich weniger von Luther denn von Fontane inspirieren lassen, der vor 150 Jahren seine berühmten Wanderungen durch die Mark angetreten hat. Fünf Bände wie er allerdings füllen sie (noch) nicht. Und doch haben sie wie er so einige Regionen bereist, aus denen nun kapitelweise zu hören ist. Sie lesen in verteilten Rollen, werfen sich gegenseitig die Bälle zu und zeigen auch ihre lyrische Ader, schließlich sind Gedichte ihre Passion. Da steigt den Zuhörenden der Duft der Wiesen in die Nase, applaudieren Blätter, stürzt sich der Himmel in tiefes Lila. An der Oder muss einmal sogar eine Fontane-Taschenbuchausgabe gegen eine Mückeninvasion zu Felde ziehen. "Gutes Material. Jeder E-Book-Reader wäre jetzt Schrott", kommentieren sie.

In dem kleinen Ort Paretz im Havelland sind sie es, die hochnotpeinlich befragt werden: "Seid ihr Ost oder West?" Klare Antwort: "Wir sind beides. Vor Ihnen sitzt die Wiedervereinigung."