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Mit der Aktmalerei das Leben feiern

Das Ölbild "Idyllische Landschaft" (1966) von Karl-Heinz Sieger hat mehr als Landschaft zu bieten.
Das Ölbild "Idyllische Landschaft" (1966) von Karl-Heinz Sieger hat mehr als Landschaft zu bieten. FOTO: Jürgen Weser
Senftenberg. Mit der soeben eröffneten Sonderausstellung "Kurt-Heinz Sieger Gemälde und Zeichnungen" gibt die Kunstsammlung Lausitz in Senftenberg erneut Schätze aus ihrem Sammlungsbestand preis. Der aus Görlitz stammende Maler Karl-Heinz Sieger wäre 2017 einhundert Jahre alt geworden. Jürgen Weser

Aus diesem Anlass zeigt die Kunstsammlung Lausitz Gemälde Siegers aus ihrem Besitz, dazu Leihgaben und Zeichnungen aus dem Nachlass des Künstlers. Nach einer Würdigung im Geburtsort Görlitz ehrt die Kunstsammlung Lausitz Siegers künstlerisches Werk im Jubiläumsjahr.

Die kleine Ausstellung zeigt: Sieger war ein Künstler mit vielen Facetten, der mit gegenständlichem Realitätsbewusstsein in Kombination von visueller und emotionaler Mitteilung etwas zu sagen hatte. Ein besonderes Verdienst der Senftenberger Ausstellung ist, dem nach seinem Tode 2002 etwas in Vergessenheit geratenen Künstler wieder in die öffentliche Kunstszene zurück zu holen.

Wer sich parallel zur Ausstellung mit der Biographie Siegers beschäftigt, vermag noch besser in die gezeigte Bilderwelt einzutauchen. Kindheit und Jugend erlebte Sieger, als uneheliches Kind einer Minderjährigen geboren, als Umhergestoßener in Pflegefamilien und Waisenhäusern, als Aussätziger in der Schule, bevor ihn der Drill des Kasernenhofs prägte. Sein frühzeitig erkanntes Talent erhielt keine Förderung. Er war widerspenstig auch gegen die Hitlerjugend. Nach Krieg und Gefangenschaft konnte er Dekorationsmaler werden und bekam endlich von 1950 bis 1955 die Möglichkeit zum Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Neben Stillleben und Naturdarstellungen, die etwas von seinem Vorbild Cézanne ahnen lassen, werden die Jahre bis 1960 künstlerisch geprägt von seiner intensiven Arbeit als Fassadengestalter beim Aufbau der als sozialistischer Vorzeigestadt gedachten Neustadt von Hoyerswerda. Diese Zeit vermag die Ausstellung nicht zu dokumentieren. Auch das Inferno der Kriegserlebnisse spielt im Werk von Kurt-Heinz Sieger keine Rolle oder höchstens am Rande in der Art der Menschendarstellung oder auch im Farbspiel zwischen für ihn typischen Brauntönen und Schwarz. Er schaut nach vorn, zeigt und konstatiert - das dokumentieren die Bilder in Senftenberg. Sieger ist Suchender im Künstlerischen wie im Privaten mit vier Ehen.

Belegt das kleine Ölbild "Landschaft bei Rammenau" von 1953 noch den anfänglich gefälligen Romantiker, so gewinnen seine Arbeiten als freischaffender Maler seit 1960 in Cottbus, dann in Frankfurt (Oder) und schließlich nach 1980 zurückgezogen in Zempin auf Usedom zunehmend an persönlichem Profil, an spröder Schönheit auf seinen Bildern und gegenständlichem Realitätsbewusstsein abseits des gewünschten sozialistischen Aufbaurealismus.

Hart, kraftvoll und kantig zeigt sich die "Steilküste" von 1966. Das sorgfältig komponierte Ölbild "Stilleben mit Kaffeemaschine und Korb" unterstreicht seine Fähigkeit "visuelle und emotionale Erlebnisse" zu verbinden, wie Laudator Bernd Gork zur Vernissage formulierte.

Sieger, der um jedes Bild rang, "als wäre es das erste", wie Zeitgenossen sein Anmalen gegen Routine beschreiben, fand zunehmend ab den 60er-Jahren in der menschlichen Figur und insbesondere in der Aktmalerei seine Herausforderung. "Badende" und "Idyllische Landschaft" aus der Mitte der 60er-Jahre zeigen den Akt, die Nacktheit im Alltag in selbstverständlicher Natürlichkeit. Zwanzig Jahre später fordern "Verweigerung" und "Schaufenster II" (alle vier Ölbilder im Besitz der Kunstsammlung Lausitz) eine zweite, auf gesellschaftliche Umstände zielende Interpretationsebene.

Auch der zeichnerische Nachlass und die späte Pastellmalerei, die im Senftenberger Schloss Dank der Leihgaben seiner Ehefrau Brigitte Sieger gezeigt werden können, sind für den Besucher herausfordernde Entdeckungen, die sich lohnen.

Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober im Museum Schloss Senftenberg zu sehen.