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Mit dem fliegenden Pferd über alle Berge

Annemirl Bauer: Fliegendes Pferd, 1981/82.
Annemirl Bauer: Fliegendes Pferd, 1981/82. FOTO: @VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Cottbus. Programmatisch steht der Titel "Ich möchte kein gefangener Vogel im Käfig sein" über der Ausstellung mit rund 100 Arbeiten der Künstlerin Annemirl Bauer. Sie wurde am gestrigen Freitag im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk (dkw) eröffnet. Renate Marschall

Mit dieser Ausstellung hat das Kunstmuseum einen Schatz gehoben und zugleich einer künstlerisch vielseitigen, fantasievollen, klugen, selbstbewussten, in ihrem Denken eigenständigen Malerin zu einer - leider für Annemirl Bauer selbst zu späten - Rehabilitierung verholfen. "Schuld", dass es zu dieser Ausstellung kam, sei eigentlich Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst, erzählt Museumsdirektorin Ulrike Kremeier. Bei der Auszeichnung von Frauenorten, die Wirkungsstätten außergewöhnlicher Frauen markieren, war Sabine Kunst auf den Nachlass von Annemirl Bauer in Niederwerbig bei Niemegk gestoßen. Bei Ulrike Kremeier stieß sie sofort auf Interesse: "Ich kannte einige Arbeiten von Annemirl Bauer und hatte mir schon vor Jahren vorgenommen, mich intensiver mit ihrem Werk zu beschäftigen. Dass mich Sabine Kunst jetzt darauf ansprach, war wie ein Wink des Schicksals." Zugleich eine Herkulesaufgabe: Der von Tochter Amrei verwaltete Nachlass umfasst etwa 16 000 Werke.

Im Sommer 1989 ist Annemirl Bauer nur 50-jährig an Krebs gestorben, sie hat den Fall der Mauer, gegen die sie Jahrzehnte lang kämpfte, nicht mehr erlebt. Immer wieder taucht in ihren Bildern - ob Collagen oder Ölgemälde, Zeichnungen, Gouachen und Objekte - das Eingesperrtsein, die Sehnsucht nach dem Anderen, dem Exotischen, dem Unerreichbaren auf. Nicht nur, dass sie in ihren Bildern das Thema immer wieder trotzig aufgenommen hat, trotz des Drucks, dem sie ausgesetzt war. Sie hat auch Minister und SED-Politbüro-Mitglieder in Briefen aufgefordert, Reisefreiheit zu gewähren. Der Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler war die Folge. Kunst war für sie zeitlebens politisch. Sie reagierte auf aktuelle Ereignisse ebenso wie auf latente gesellschaftliche Probleme. Zu ihren großen Themen gehörten neben der Reisefreiheit das Recht auf Selbstbestimmung, die Anprangerung einer fortschreitenden Militarisierung der Gesellschaft, die Rolle der Frau im Kampf der Geschlechter wie auch als Mutter und Bewahrerin des Lebens. Häufig finden sich mehrere dieser Themen in einem Werk. Wie in der Arbeit "Wehrweiber", die sich mit der Werbung von Frauen für die Nationale Volksarmee der DDR auseinandersetzt und zugleich eine häufige Arbeitsweise der Künstlerin repräsentiert.

Deutungsmöglichkeiten

Annemirl Bauer bemalt so ziemlich alles, was sie findet - Teile von Möbeln ebenso wie Stadtpläne. "Das hatte einerseits mit ihren prekären Lebensumständen zu tun", ist Ulrike Kremeier überzeugt. "Andererseits zeigt sich darin ihrer Kreativität, denn trotz der eindeutigen, fast plakativen politischen Aussage ihrer Bilder sind sie von hohem künstlerischen Wert."

"Wehrweiber" ist eine von mehreren Arbeiten, die zwei Seiten hat und zudem jedem Betrachter eigene Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Auf der Vorderseite ist ein Jutesack sichtbar. Auf das grobe, minderwertige Material malt sie zwei Frauengestalten. Während die eine einem Neandertaler gleicht, ist die andere eine ausgezehrte androgyne Erscheinung mit Stahlhelm. Das Wort Frau verweigert sich. Dort, wo normalerweise die weiblichen Geschlechtsorgane zu finden sind, hängen aus Metall gefertigte Zapfhähne als verspottete Tribute der Männlichkeit. Wollt ihr uns so? - scheint die Malerin zu fragen. Auf der anderen Seite erkennt man: Der Jutesack ist auf eine alte Tür gespannt, ebenfalls bemalt. Sie stellt so etwas wie das Pendant dar und ist vielseitig deutbar. Es könnte heißen: Seht was euch entgeht oder ein Hinweis auf die eingesperrte Weiblichkeit sein. Aber das ist ja das Schöne an den Bildern von Annemirl Bauer, dass sie zum Entdecken einladen.

Geradezu überbordend an Anspielungen und Bilddetails ist das 1981/82 entstandene "Fliegende Pferd". Im weiten Sprung schwebt es über eine Landschaft hin. Im Hintergrund Berge, eine Zypresse am linken Bildrand, davor eine Pinie, Attribute einer mediterranen Landschaft - dorthin fliegt das Pferd, über einen lauernden Beobachter hinweg. Im Vordergrund erblickt man im ersten Hinsehen eine Blumenwiese, um schließlich zu entdecken, dass es sich um eine liegende Frau handelt, auf oder in deren Schoß ein Kind sitzt. Im Bildaufbau und der Malweise erinnert es an Marc Chagall.

Annemirl Bauer macht keinen Hehl daraus, bei großen Künstlerkollegen Anleihe zu nehmen, Stilelemente, etwa der französischen Avantgarde, für ihre Zwecke zu nutzen. Eindeutige Hinweise finden sich mehrfach auf Pablo Picasso, Georges Braque, in der Grafiksammlung "Spanische Fantasien" auch auf Henri Matisse.

Obwohl selbst ins Visier der Staatssicherheit geraten - einen Anwerbungsversuch wehrte sie ab - malt Annemirl Bauer weiter trotzig und engagiert den Widerstand, stellt sich an die Seite von Freunden wie Bärbel Bohley. Davon zeugen Bilder wie "Paragraf 99", der "landesverräterische Nachrichtenübermittlung" ahndete und häufig für Dissidenten missbraucht wurde, oder in dem Bild "Eingeschlossene". Es zeigt Bärbel Bohley offensichtlich in einer Zelle, umgeben von eindeutigen Zeichen. Hier wie in anderen Werken arbeitet die Künstlerin mit Schrift, häufig auch spielerisch wie in "Gottes männliche Herrlichkeit", in dem sie erneut sarkastisch das Thema Wehrweib kommentiert.

Privatsphäre

Ein Ausstellungsraum ist der Privatsphäre der Künstlerin vorbehalten. Sie selbst zeigt sich nackt, völlig entspannt auf einem Sofa neben einem gemütlichen Kachelofen. Immer wieder taucht der blonde Lockenkopf ihrer Tochter Amrei auf, Weihnachten in der Wohnung ihrer Mutter, der Malerin Tina Bauer-Pezellen. Unpolitisch ist es aber auch hier nicht.

Nein, ein gefangener Vogel im Käfig war Annemirl Bauer nicht, sie hat die Gitterstäbe weit aufgebogen, der Realität den Spiegel vorgehalten und eine eigene Welt erschaffen, die zu entdecken großen Spaß macht. Was für eine inspirierende Ausstellung.