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Michael Patrick Kelly begeistert Fans in Spremberg

FOTO: Sascha Klein
Spremberg. Kurz nach halb neun am Freitagabend muss es gewesen sein, da stimmt Michael Patrick Kelly seinen Welthit an: „An Angel“, tausendmal von der Kelly Family gehört. Sascha Klein

Ich erwische mich dabei, wie ich den Refrain mitsinge. Einmal, zweimal und dann immer wieder. Wie habe ich dieses Lied als Jugendlicher gehasst - wie die gesamte Kelly Family. Aber jetzt geht mir der Song so selbstverständlich über die Lippen als wäre ich schon immer Fan dieser Musik gewesen. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Und doch: Michael Patrick Kelly zieht die knapp 1000 Zuschauer und Zuhörer in der Freilichtbühne Spremberg sofort in seinen Bann. Er braucht nicht einmal drei Lieder dafür. Ich bin erstaunt. Dafür, dass das eigentlich nicht meine Musik ist, swinge ich begeistert mit, klatsche mit, singe Texte, die ich Sekunden vorher zum ersten Mal gehört habe. Dieser "Paddy" Kelly ist richtig gut. Das sieht und hört jeder an diesem Abend.

Die Songs des Kelly-Sprosses, der lieber seine eigene Tour macht als mit etlichen Geschwistern ein Comeback zu feiern, sind klar, eingängig - und wirklich super hörbar. Michael Patrick Kelly überzeugt vor allem durch seine Stimme. Eine solche Live-Stimme haben wenige. Neben mir vor der Bühne stehen die echten Kelly-Fans der ersten Stunde. Die tragen keine Zahnspangen mehr wie Mitte der 1990er-Jahre, sondern sind inzwischen oftmals selbst schon Eltern. Einige haben die Sprösslinge auf den Schultern. Es ist familiär in dieser wirklich schönen Freilichtbühne in der "Perle der Lausitz".

Dann legt Michael Patrick Kelly los, checkt die Plakate aus den Fan-Reihen. Eines fällt ihm besonders auf: "Ich will seit 20 Jahren ein Foto mit Dir" steht drauf. Gemalt von Rosi. Kelly holt Rosi auf die Bühne. Es ist Selfie-Zeit. Der 39-Jährige nimmt sich die Zeit. Auch Nicole aus Zittau darf noch auf die Bühne, weinend vor Glück. Auch sie macht noch Fotos für die Ewigkeit. Einfach rührend.

Kelly singt viele seiner Songs und auch ein paar Kelly-Klassiker wie "One more song" und "Mama". Ein wenig Rock'n'Roll darf auch nicht fehlen, er hat das alles im Repertoire. Das wirkt nicht aufgesetzt, er beherrscht das einfach. Schließlich wagt er sogar den Sprung von der Bühne. In Hallen mit 5000 Fans vor der Bühne ist das kein Problem, in Spremberg stehen aber nur rund 250 Fans davor. Trotzdem kippt das zehnte Kind der Kelly Family völlig selbstverständlich in die Fans und wird gut zehn Meter getragen. Dann springt er auf, rennt den Hügel der Freilichtbühne hoch und lässt sich oben an der Currywurstbude erstmal Currywurst mit Pommes geben. Das Publikum flippt aus. Für etliche in den oberen Reihen ist das die ultimative Chance, ihrem Idol einmal ganz nah zu sein. Außerdem: Wer hatte ein Mitglied der Kelly-Family jemals vor sich am Wurststand?
Sogar etwas Lokalkolorit verpackt der Ire in seiner Show. Er singt "Krieger des Lichts" der Bautzener Gruppe Silbermond. Mit deren Sängerin Stefanie Kloß und anderen Sängern wie Mark Forster und den Jungs von "The Boss Hoss" war Kelly Wochen zuvor in Südafrika, beim Dreh für die Fernsehshow "Sing meinen Song", die gerade auf Vox zu Ende gegangen ist.

Nach allem Feiern gibt es wieder etwas Ungewöhnliches für ein Pop-Konzert: Schweigen. Michael Patrick Kelly verordnet allen eine Minute Stille für den Frieden. Er selbst steht auf der Bühne - reglos, die Augen geschlossen. Auch die Fans in Spremberg sind mucksmäuschenstill.

Mit dem Finale trifft Michael Patrick Kelly voll ins Schwarze. Er holt alle Kinder auf die Bühne und singt den Bob-Dylan-Song "Jokerman". Da sitzen dann Tyler aus Hoyerswerda und Sarah aus Sedlitz mit rund 20 anderen Kids neben Kelly und lauschen andächtig. Anschließend dürfen auch sie noch minutenlang Selfies machen. Es menschelt so richtig an diesem Abend.

Was ich gelernt habe: Michael Patrick Kelly ist ein großartiger Künstler, der es schafft, so sympathisch und normal zu sein, dass man ihn gerne auch zu sich nach Hause einladen würde. Und wenn er wieder einmal in der Lausitz zu Gast ist: Ich gehe hin.